Kirchheim. Aktuell können Jugendliche an der Kirchheimer Waldorfschule alle Schulabschlüsse machen, die es auch an staatlichen Schulen gibt: den Hauptschulabschluss, die mittlere Reife, die Fachhochschulreife und das Abitur. Zusätzlich bestehen schon seit einigen Jahren zwei Erziehungshilfeklassen, in denen Schüler mit problematischem Sozialverhalten unterrichtet werden. Ab dem kommenden Schuljahr öffnet sich die Schule auch für Förderschüler, also für Kinder und Jugendliche, die aufgrund von Lernschwierigkeiten sonderpädagogischen Förderbedarf haben.
Das Angebot richtet sich laut Knut Dikomey, Geschäftsführer der Freien Waldorfschule, an Eltern, die an Waldorf-Pädagogik interessiert sind. Auch ein Quereinstieg von einer staatlichen Schule ist unter Umständen möglich. Laut Knut Dikomey hebt sich das Angebot von bereits bestehenden Fördermöglichkeiten ab. Im Gegensatz zu Förderschulen oder Erziehungshilfeklassen, die abseits von Regelschulen untergebracht sind, sei in der Waldorfschule alles unter einem Dach. „Die Schüler erhalten ihren Schutzraum, kommen aber auch mit den Regelschülern zusammen“, erklärt Werner Ehringfeld, Lehrer und Vorstandsmitglied der Waldorfschule, das Konzept.
„So viel Inklusion wie möglich, so viel Förderung wie nötig“, lautet das pädagogische Motto. Praktisch könne das zum Beispiel so aussehen, dass die Förderschüler zwar separaten Unterricht in Fächern wie Mathe, Englisch und Deutsch erhalten, in den kreativen Fächern aber gemeinsam mit Regelschülern unterrichtet werden. Auch gemeinsame Exkursionen sind möglich. „Gestern waren zum Beispiel alle gemeinsam beim Papierschöpfen“, erzählt Werner Ehringfeld. Unterrichtet werden die Förder- und Erziehungshilfeschüler von Heilpädagogen und Förderlehrern. Die Schule sucht noch einen Sonderschullehrer mit Waldorf-Ausbildung.
Für Knut Dikomey ist diese Öffnung ein Schritt auf dem Weg zu einem inklusiven Bildungssystem. Inklusion heißt für ihn, dass es nur noch Menschen gibt, keine Menschen mit Behinderung. „Wir wollen uns breit aufstellen, um möglichst alle Kinder fördern zu können“, sagt er. Werner Ehringfeld, Lehrer und Vorstandsmitglied der Waldorfschule, betont aber, dass noch lange nicht alle Kinder mit Behinderungen aufgenommen werden können. Mit geistig behinderten Kindern habe man beispielsweise noch keine Erfahrungen gemacht. „Wir sind keine Inklusionsschule“, sagt er. So etwas könne man auch nicht von oben aufsetzen. Wenn jedoch Eltern mit einem geistig behinderten Kind anfragten, müsse man prüfen, was machbar sei.
Knut Dikomey und Werner Ehringfeld glauben, dass alle in der Schule von der Öffnung profitieren werden. „Es ist interessant, zu sehen, wie die Regelklassen reagieren“, sagt Werner Ehringfeld. In der Pubertät urteilten viele Jugendliche sehr hart, aber im Umgang mit den Förder- oder Erziehungshilfeschülern merkten sie: „Die kriegen vielleicht nicht so viel auf die Reihe, haben aber trotzdem viele Fähigkeiten.“ Insofern sei die Öffnung nicht eine „milde Tat“, sondern ein Geben und Nehmen.
