Kreis Esslingen. Es ist eine Situation, die man niemandem wünscht: Eine Mutter mit drei kleinen Kindern erhält eine Krebsdiagnose und muss zur Chemotherapie in die Klinik. Der Vater ist voll berufstätig. Die Belastung für die Familie wird zu groß, den Alltag kann sie nicht mehr alleine meistern.
In solchen und anderen Notsituationen sind die 28 Mitarbeiterinnen der katholischen Familienpflege im Dekanat Esslingen-Nürtingen zur Stelle. Sie besuchen die Familien, kümmern sich um den Haushalt, helfen den Kindern bei den Hausaufgaben und führen Gespräche. „Die Mitarbeiterinnen übernehmen alle Aufgaben, die tagtäglich anfallen und die von den Eltern nicht mehr erledigt werden können“, sagt Bettina Betzner, Geschäftsführerin der Familienpflege mit Sitz in Nürtingen.
Auch in der Region rund um die Teck sind die Frauen des kirchlichen und sozialen Fachdienstes im Einsatz, die Ausbildungen zur Familienpflegerin, Erzieherin, Hauswirtschafterin oder auch Kunsttherapeutin absolviert haben und regelmäßig Fortbildungen besuchen. Sie sind wichtige Ansprechpartnerinnen für die Familienmitglieder, gehen auf ihre Sorgen ein, geben Zuversicht und vor allem: Sie helfen schnell und unbürokratisch.
Seit 1977 unterstützt die Einrichtung Familien in schwierigen Situationen – zum Beispiel auch bei Risikoschwangerschaften, bei Mehrlingsgeburten, bei psychischen Erkrankungen, bei der Pflege von Kindern mit Behinderung, bei einer Trennung der Eltern oder beim Verlust eines Elternteils. Durchschnittlich betreut die Familienpflege im Jahr 220 Familien. Die Hilfe dauert jeweils zwischen vier und acht Stunden am Tag über einen Zeitraum von einer Woche bis hin zu einem Jahr – „je nach Bedürfnis, Situation und Alter der Kinder“, sagt Bettina Betzner. Je jünger die Kinder sind, desto wichtiger sei die Betreuung durch die Familienpflegerinnen.
Finanziert wird die Arbeit der teils fest angestellten und teils auf Honorarbasis tätigen Frauen vom Land Baden-Württemberg, vom Kreis und von der Stadt Esslingen, von Spendern und Sponsoren sowie von den Krankenkassen. Letztere sind bei einem stationären Krankenhausaufenthalt eines Elternteils gesetzlich dazu verpflichtet, die Kosten für eine Familienpflegerin zu übernehmen. Im ambulanten Bereich ist es indes jeder Kasse selbst überlassen, ob sie die Kosten trägt oder nicht.
Schwierig werde es vor allem bei länger andauernden Einsätzen der Familienpflege im ambulanten Bereich, wenn die Familie die Hilfe dringend weiterhin benötigt, die Kasse die Kosten aber nicht mehr übernimmt, sagt Bettina Betzner. „Es ist eine große Herausforderung für uns, wenn eine solche Finanzierungslücke entsteht.“ In solchen Fällen, die leider immer häufiger vorkommen würden, müsse man überlegen, wie die Betreuung durch die Familienpflege finanziert werden kann. „Eine Möglichkeit ist die Jugendhilfe“, erklärt Bettina Betzner. Allerdings dauere es oft einige Zeit, bis die Finanzierung anlaufe. „Die Familien benötigen aber sofort Hilfe und nicht erst irgendwann.“ Um ihren caritativen Auftrag erfüllen zu können, ist die Familienpflege deshalb dringend auf Spenden angewiesen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Krankenkassen bezahlen die Familienpflege nur für die Zeit, in der die Kinder der betroffenen Familien zu Hause sind und eine Betreuung benötigen. Die Tätigkeit der Familienpflegerinnen würde aber oft mehr Zeit in Anspruch nehmen, sagt Bettina Betzner. In einem Haushalt sei vieles zu erledigen, während sich die Kinder in der Schule oder im Kindergarten aufhalten – sei es einkaufen gehen, kochen oder Wäsche waschen.
Darüber hinaus reichen die Sätze, die von den Krankenkassen pro Stunde bezahlt werden, bei Weitem nicht aus, um die Kosten zu decken, gibt Bettina Betzner zu bedenken. So fehlen der Familienpflege pro Einsatzstunde mindestens sechs Euro, erläutert die Geschäftsführerin das Dilemma.
Die Finanzierung werde insgesamt immer schwieriger. Gleichzeitig steige aber der Bedarf: Immer mehr Familien würden auf die Familienpflege zukommen und ihre Hilfe in Anspruch nehmen. „Es läuft bei uns kein Anruf ins Leere“, verspricht die Geschäftsführerin, die alle Hebel in Bewegung setzt, um den Familien helfen zu können. So werde auch durch Kooperationen, zum Beispiel mit der Diakonie Kirchheim, nach Lösungen gesucht.
Durch eine sehr schlanke Verwaltung hält die Familienpflege ihre Kosten so gering wie möglich. Gewinne erzielt die Einrichtung nicht. „Das dürfen und möchten wir auch gar nicht. Das Geld soll den Familien zugutekommen“, unterstreicht Bettina Betzner. Eine kostendeckende Finanzierung ihrer Arbeit sei aber überaus wichtig, betont die 46-Jährige, die regelmäßig am Telefon mit den Krankenkassen der betroffenen Familien diskutiert. „Das ist schon manchmal ein Kampf.“
„Vor Krankheit ist keiner gefeit, es kann jeden treffen“, weiß Bettina Betzner und verweist auf unsere Solidargemeinschaft, in der die Menschen füreinander da sein sollten. „Es gibt viele Familien im Landkreis, die berufsbedingt hergezogen sind und deren Verwandtschaft weit weg ist. Die Hilfe durch die Familienmitglieder kann nicht immer in Anspruch genommen werden.“ Und gerade in solchen Fällen leiste die Familienpflege, die sich sehr über die Unterstützung durch die Teckboten-Weihnachtsaktion freue, eine wertvolle und unverzichtbare Hilfe.
Wer die Hilfe der katholischen Familienpflege in Anspruch nehmen möchte, kann sich mit Bettina Betzner unter 0 70 22 / 3 85 15 in Verbindung setzen.
