Ärztlicher Notfalldienst mit neuer Struktur – Bei Bedarf rückt der Hausbesuchsdienst aus
Wenn der Hausarzt Feierabend hat 

Das Fieber steigt, die Glieder schmerzen, weit und breit ist niemand, der einem Mut zuspricht. Guter Rat ist teuer, denn der Hausarzt hat längst Feierabend. – Im Altkreis Nürtingen haben‘s Patienten recht gut: Nacht für Nacht ist am Nürtinger Krankenhaus ein ärztlicher Hausbesuchsdienst einsatzbereit, unabhängig von den Notärzten.

Kirchheim. Unter steigendem Kostendruck ist der Bereitschaftsdienst ab Januar neu geregelt worden. „Die Qualität ist nach wie vor hervorragend“, betont Thorsten Lukaschews­ki. Er ist Chefarzt im Klinikum Kirchheim-Nürtingen und Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Ihm ist vor allem eines wichtig: Die Telefonnummer 1 92 92. Die sollte sich jeder merken oder einprogrammieren.

In Not – sei es medizinisch ernsthaft bedenklich oder zumindest gefühlt – kann jeder geraten. Zum Beispiel ein alleinstehender älterer Patient in Ochsenwang. Sein Fieberthermometer klettert bedrohlich, pendelt schon nahe 40 Grad. Doch es ist spät am Abend, keine Menschenseele scheint ansprechbar. Jetzt wählt der Patient die „1 92 92“ und erreicht die Esslinger Rettungsleitstelle. Ein fachkundiger Mitarbeiter erkundigt sich detailliert nach dem Gesundheitszustand des Patienten und stellt Fragen, die über die Art des Einsatzes entscheiden. Nach seiner Erkenntnis fühlt sich der Patient aufgrund des Fiebers sehr schlapp. Er kann zwar noch selbst telefonieren, ist aber für weitere Aktivitäten zu schwach.

Ein Fall für den Hausbesuchsdienst. Dieser Fahrdienst, der für den gesamten Altkreis zuständig ist, ist seit Januar ausschließlich in Nürtingen angesiedelt. Es kann also dauern, bis der diensthabende Mediziner in Ochsenwang ankommt – vielleicht ist er gerade auf den Fildern unterwegs.

Irgendwann erreicht die Hilfe aber den Ochsenwanger. „Wir erhalten diesen guten Standard der Versorgung für die Bürger rund um die Teck aufrecht“, freut sich Lukaschewski über die komfortable Situation. Keine Frage, der Hausbesuchsdienst ist ein gewisser Luxus. „Es kann natürlich nicht angehen, dass jeder wegen jeder Kleinigkeit anruft“, meint daher auch Lukaschewski. Er weiß aus langjähriger Erfahrung, dass die persönliche Wahrnehmung, was wirklich schlimm ist, extrem unterschiedlich ist von Mensch zu Mensch.

Auf jeden Fall sind sich die Mediziner sicher, eine ganze Reihe von Problemen durch den Hausbesuchsdienst aus der Welt schaffen zu können. Einrichtungen, wie zum Beispiel der einst im Landkreis gut funktionierende HNO-Notfalldienst, sind nämlich längst dem Rotstift zum Opfer gefallen. Das ist aus Patientensicht zwar schade, dennoch hält Lukaschewski den hausärztlichen Notdienst für die richtige Anlaufstelle außerhalb der Praxiszeiten: „Dieser Hausbesuchsdienst kann die meisten Probleme lösen oder zumindest anbehandeln, bis dann der Facharzt wieder zur Verfügung steht.“

Für lebensbedrohliche Fälle gibt es schließlich noch die Krankenhäuser. Rund um die Uhr ist beispielsweise die Kirchheimer Klinik aufnahmebereit. Wer sicher ist, einen schlimmen Fall melden zu müssen, der wählt am besten gleich die 112. „Im Ernstfall rückt dann sofort der Notfallarzt aus“, erläutert Lukaschewski, der selbst Jahrzehnte als Notarzt im Einsatz auf dem Buckel hat. Der Notarzt wird beispielsweise dann geschickt, wenn ein Patient bewusstlos ist, an einer halbseitigen Lähmung leidet oder Brustschmerzen hat, die auf einen Herzinfarkt hindeuten.

Für derlei Notfälle sind im Kreis nachts gleich vier Notärzte abrufbereit: in Esslingen, Nürtingen, Kirchheim und auf den Fildern. Tagsüber kommen zwei weitere hinzu, einer zusätzlich auf den Fildern, der andere in Plochingen. Ursache für diese engmaschige Versorgung ist das Rettungsdienstgesetz: Demnach müssen 95 Prozent aller Notfälle in 15 Minuten erreicht werden, und zwar sowohl vom Notarzt als auch vom Rettungswagen. Beide Fahrzeuge starten unabhängig voneinander und treffen sich am Einsatzort. Die Patienten werden dann ins nächste „geeignete“ Krankenhaus gebracht.

Während die Notärztliche Versorgung mit den genannten vier bis sechs Standorten in der Vergangenheit sogar ausgebaut wurde und in Zukunft nach Prognosen der Mediziner noch weiter ausgebaut wird, ist der Bereich des hausärztlichen Notdienstes eher etwas reduziert worden. Im Fahrdienst waren früher zwei Ärzte im Einsatz. Auch die Anlaufzeit der Notfallpraxis am Kirchheimer Krankenhaus wurde eingeschränkt. Heute finden Ratsuchende dort von Samstag, 8 Uhr, bis Montag, 8 Uhr, Hilfe. Dennoch gilt: „Durch die Reduzierung ist nichts an Qualität weggefallen, höchstens an Bequemlichkeit“, fasst Lukaschewski zusammen.

Auch am Wochenende ist man übrigens immer richtig mit der Nummer „1 92 92“.