Landrat Eininger und KSK-Vorstandsvorsitzender Scholz besuchen den kooperativen Unterricht
Wenn die Chefs zur Schule gehen

Nur zuschauen? Von wegen. „Ich bitte Sie mitzumachen, damit Sie es von innen sehen“, sagte Lehrerin Heidi Frericks zu ihren Besuchern im kooperativen Unterricht. So beschäftigten sich Landrat Heinz Eininger und Franz Scholz, der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, genau wie die Schüler an Tischgruppen mit Erzähltechniken.

Esslingen. Bei diesem Unterricht kann sich keiner verstecken. Jeder Schüler ist gefragt, merkt was er kann und dass er wichtig ist. Die innere Klappe fallen lassen und den Lehrer da vorne fleißig erzählen lassen, das geht nicht. Als die Lehrerin nach der gut halbstündigen Unterrichtsmitschau den Besuchern an der Esslinger John-F.-Kennedy-Schule zum Pressegespräch folgt, lässt sie ihre Klasse alleine weiterarbeiten. Das geht gut, die Schüler haben das drauf, kontrollieren sich gegenseitig.

Frericks ist vom kooperativen Lernen begeistert. Ihre Klasse ist sehr heterogen, der eine kommt von der Förderschule, der andere vom Gymnasium. „Mit Frontalunterricht würde ich das nicht mehr hinbekommen“, ist die erfahrene Lehrerin überzeugt. Beim kooperativen Lernen kann sie, solange an anderen Tischen selbstständig weitergearbeitet wird, sich um die kümmern, bei denen es klemmt. Oder um die Fitten, die zur Vermeidung von Langeweile schnell eine Extraaufgabe brauchen.

Das Projekt „Kooperatives Lernen“ ist kein Strohfeuer, es läuft im Landkreis bereits seit März 2008. Es wird von der Bildungsstiftung der Kreissparkasse finanziell gefördert. Deshalb wollten sich Scholz und Eininger, der Vorsitzender der Stiftung ist, ein Bild von den Auswirkungen machen. Vor der John-F.-Kennedy-Schule besuchten sie eine dritte Klasse der Esslinger Katharinenschule. Dort waren sie erstaunt, wie reif und erwachsen die Drittklässler im Unterricht miteinander umgingen, welche sprachlichen Fähigkeiten sie bereits entwickelt haben.

„Wir haben am Anfang des Projekts etwas gezweifelt“, gab Eininger zu. Das ist vorbei. „Es war richtig, dass wir das in die Fläche gebracht haben, über alle Schularten hinweg.“ Das Projekt wirke über die beteiligten Projektschulen hinaus, betonte Eininger, auch andere Schulen im Landkreis machten mit. Inzwischen sei das kooperative Lernen in die pädagogischen Leitlinien für die Gemeinschaftsschule aufgenommen worden, das bedeute nun einen Vorsprung.

An der Unterstützung des Staatlichen Schulamts Nürtingen bestehen keinerlei Zweifel. „An diesem Projekt hängt mein Herz“, sagte Karin Bogen-Dittrich, stellvertretende Amtsleiterin und Fortbildungsschulrätin. Beim kooperativen Lernen würden viele wichtige Erkenntnisse – ob aus der Neurobiologie oder das Wissen um die Bedeutung guter Beziehungen – zusammengebracht. Bogen-Dittrich ist froh über die Unterstützung der Stiftung für die Lehrerfortbildung und die jährlichen Fachtage. „Diese werden immer größer und damit teurer.“

Die Bildungsstiftung wolle keine Ersatzkasse sein, sagte Scholz, sondern wolle Initialzündungen geben. Die Kreissparkasse, die jedes Jahr 50  junge Menschen einstelle, sei existenziell auf eine gute Bildungslandschaft angewiesen. Beim kooperativen Lernen lernten die Schüler Verantwortung zu übernehmen, ohne Schablonendenken Probleme zu lösen und positiv mit Fehlern umzugehen.

Und der Lernstoff? „Manche Kinder merken gar nicht, dass sie etwas gelernt haben“, sagte Klaus Hummel, Schulleiter der Katharinenschule. Diese Art des Lernens mache viele Rollenwechsel möglich. „Jeder Lernende ist zugleich Lehrender.“ Die Schüler lernten „mit Kopf, Herz und Hand“.

Was für Hummel klar ist: Diese Art des Unterrichts könne nicht plötzlich in Klasse 9 beginnen. „Das muss heranwachsen.“ Für den Anfänger ist in der Tat manches verwirrend: Wann soll ich alleine nachdenken, wann mit den anderen reden? Wem soll ich meine Zettel weitergeben? Sind die zwei Minuten schon vorbei? Für die Schüler ist das längst Routine. Die Lehrerin merkt schnell, wenn die Schüler eine Aufgabe nicht verstehen, sie ihre Arbeitsblätter verbessern muss.

Konsens besteht darüber, dass das kooperative Lernen nur eine von mehreren Unterrichtsformen ist, die andere nicht ersetzen soll. Mancher Schüler der John-F.-Kennedy-Schule ist nämlich froh, wenn wieder einmal ein Frontalunterricht folgt. Einfach nur zuhören, das kann ganz schön entspannend sein.