Bei Obstbaumschnittkurs begeistert Albrecht Schützinger seine weiblichen Zuhörer
Wenn Frauen zur Säge greifen

Strahlender Sonnenschein und frühlingshafte 15 Grad, ein guter Tag zum Bäume schneiden. Auf den Streuobstwiesen des Freilichtmuseums in Beuren haben sich 43 Hobbygärtnerinnen um Albrecht Schützinger versammelt. An diesem Tag sind keine Männer eingeladen.

Beuren. „Schneiden Sie zu Hause keine Äste ab, die irgendwann mal stören könnten. Das ist Unsinn“, erklärt Albert Schützinger. Ein schuldbewusstes Kichern geht durch die Damenrunde, da hat der Baumexperte offenbar ins Schwarze getroffen. Aber er fügt schmunzelnd hinzu: „In meinen Männerkursen wird immer ganz wild drauflosgeschnitten, die geben richtig Gas und hören mir nicht so geduldig zu, wie Sie, liebe Frauen.“

An den Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Zwetschgenbäumen des Freilichtmuseums zeigt der Fachberater für Obst- und Gartenbau, wie man „Ruhe reinbringt“ und den Baumwuchs bremst. Der Mann, der sich auskennt, wird mit Fragen überschüttet. Wie kommt es zu einem krumm gewachsenen Ast? Wie korrigiert man eine solche Fehlentwicklung? Wo wachsen die schönsten Früchte? Wie bekommt man richtig große Äpfel und nicht nur die kleinen sauren?

Ruhig und mit einer Engelsgeduld beantwortet Schützinger mehr als drei Stunden die Fragen. Dabei räumt er mit Mythen auf: „Lassen Sie die Finger von Baumwachs, das bringt bei offenen Wunden gar nichts. Die Feuchtigkeit, die sich hinter dem Wachs sammelt, trocknet nie wieder.“ Für den Schnittkurs sind Frauen jeder Altersgruppe nach Beuren gekommen. Die lernwilligen Ladys sind mit Rucksack und Notizblock ausgerüstet, tragen stabile Arbeitsschuhe, leichte Übergangsjacken und Sonnenbrillen. Teilweise haben sie ihr eigenes Gartenwerkzeug dabei. „Das ist eine richtig gute Säge, passen Sie auf, dass Sie die von mir wiederbekommen“, scherzt Schützinger, als er sich eine Astsäge für einen Schnitt leiht. Die stolze Besitzerin ist Marie-Louise Haubensak. Mit gerade mal 19 Jahren ist sie die jüngste Teilnehmerin. „Ich möchte eines Tages die Streuobstwiesen meiner Eltern übernehmen, darum ist dieser Kurs sehr wichtig für mich“, erklärt sie.

Alle Frauen in diesem Kurs stufen sich selbst als Anfänger ein, obwohl sie zu Hause selbst Obstbäume besitzen. Erwerbsanbau betreibt keine von ihnen, aber für die eigene Obstschale zu Hause würden sie gerne wissen, wie sie künftig mehr Obst ernten können. Um zu lernen, wie das geht, hat sich Birgit Stoll einen Tag Urlaub genommen. „Mein Freund ist Landschaftsgärtner und kennt sich von Berufs wegen gut aus. Ich würde mich im Garten zu Hause auch gerne aktiver einbringen“, erklärt die 48-Jährige.

Die persönlichen Erfahrungen mit den eigenen Männern und deren Ansichten von Gartenpflege sorgt für eine heitere Stimmung unter den Frauen. „Ich sehe heute Abend hitzige Diskussionen auf Sie zukommen“, bemerkt Schützinger erfreut. Er hat es geschafft, die Frauen mit seiner Begeisterung für den Obst- und Gartenbau anzustecken. Bevor das neue Wissen in die Tat umgesetzt wird, genießt die Gruppe ein herzhaftes Bäckerfrühstück.