Concerto der Kirchheimer Stadtkapelle mit Musik japanischer Komponisten und Stücken aus dem Wilden Westen
West trifft Ost

Kirchheim. Gemeinsamkeiten und Gegensätze – kein Zufall sei es gewesen, erklärte Moderatorin Stephanie Rauschnabel am Samstagabend den Gästen des diesjährigen „Concerto“ der Kirchheimer Stadtkapelle, dass


deren neuer Leiter, Dirigent Mark Lange, das Opus Nr. 25 von Camille Saint-Saens „Orient et Occident“ an den Anfang des Programms für das Konzert in der Stadthalle gesetzt hatte. West und Ost trafen auch im Folgenden kontinuierlich aufeinander, Musik japanischer Komponisten und – nach der Pause – Stücke westlicher Tonkünstler, die sich nicht nur mit der ihnen eigenen Kultur auseinandersetzten.

„Clouds in Collage“ – das musikalische Abbild eines perfekten Tages floss einst aus der Feder des aus Kyoto stammenden Komponisten Tetsunosuke Kashida, der vor allem durch seine Filmmusik auch internationale Bedeutung erlangt habe. „Es gibt eben Literatur“ (musikalischer Art), war im Anschluss an das aktuelle Concerto von Dirigent Mark Lange zu erfahren, für die braucht man eben ein Orchester, wie die Kirchheimer Stadtkapelle.

Was er damit meinte wurde auch beim dritten Stück der samstäglichen Darbietung deutlich: In drei Sätzen hat der 1960 in Hamamatsu geborenen Tondichter Yasuhide Ito die Situation der kleinen christlichen Minderheit in Japan in Klänge zu fassen versucht. So treffen in „Gloriosa“ die Merkmale gregorianischen Gesangs auf Glockenklänge und die Stimmung japanisch-folkloristischer Musik.

Die darauf folgende Pause diente einem Wechsel der Kontinente und musikalischer Perspektiven: Hatte mit Ito ein japanischer Komponist mit Erfolg versucht, westliche Elemente in seinen grundsätzlich asiatisch geprägten Gestus zu integrieren, folgte nach dem Wiederbeginn mit Leonard Bernsteins Ouverture zu dem Nachkriegs-Musical „Candide“ („Das Musical war ein Flop – die Ouverture blieb“), die musikalische Auseinandersetzung des 1943 in Neu-England geborenen Amerikaners David Maslanka mit den Einsichten eines buddhistischen Mönches, die dieser in einer Schrift mit dem Titel „Die fünf Pfeiler der Weisheit“ festgehalten hatte.

Bei dieser Gelegenheit wie auch in den folgenden Stücken gelang es dem neuen Dirigenten der Kirchheimer Stadtkapelle, deren rund 70 Mitglieder einen Klangkörper zu bilden imstande sind, der mit Fug und Recht als „ein Symphonieorchester minus Streicher“ bezeichnet werden kann, das Potenzial desselben zu einer Leistung zu entwickeln, die zumindest in Süddeutschland nicht oft ihresgleichen fände. Da darf dann sogar ein Stück geballten tonalen Humors durchaus seinen Platz im Programm finden. Tat es auch – in Form der Westernparodie des amerikanischen Komponisten John Mackey, der in seinem Stück „Sasparilla“ sämtlichen Klischees aneinanderreihte, die sich gedanklich mit dem „Wilden Westen“ verknüpfen lassen. Da platzt die Kavallerie-Attacke (der Klippediklopse) in die Red River Valley-Idylle, John Wayne entsichert seinen Colt, wie immer, wenn er sich von „Kultur“ bedroht sieht, und Calamity Jane wagt ein Tänzchen mit Billy the Kid. Gut, dass sich rechtzeitig die Blue Notes zu ihrem Aufstand im Mississippi Delta zur pentatonischen Entfaltung trafen. Das Jazz-Zeitalter schuf andere Haudegen und Klänge. Die Kirchheimer Stadtkapelle wird’s nicht anfechten. Unter der, wie man sich am Samstag überzeugt sah, ausgesprochen kompetenten Leitung des auch durch Körpersprache und Dynamik beeindruckenden Dirigenten muss den überwiegend jungen Musikern vor keinem Betreten musikalischen Neulands bange sein.

Mit der zweiten Zugabe „Amazing Grace“ ging ein Konzert zu Ende, das wieder einmal bewies, wie tief die Blasmusik-Orchester in das musikalische Geschehen auch der Moderne eingedrungen sind. Und wie hoch sie sich über das Marchingband- und Bierzeltkapellenniveau längst hinweggesetzt haben.