Pädagogisches Entertainment mit dem Familienberater Dr. Jan-Uwe Rogge in der Kirchheimer Stadthalle
Wider den tierischen Erziehungsernst

Kirchheim. Dorothee will noch eine vierte Sendung im Fernsehen anschauen, Tim testet die Wirkung des Wortes „Arschgeige“ aus und Felix liegt im Supermarkt schreiend auf 


dem Boden. Trotzdem wünschte der Familien- und Kommunikationsberater Dr. Jan-Uwe Rogge, der auf Einladung des Fördervereins Alleenschule in die Kirchheimer Stadthalle gekommen war, seinen rund 300 Zuhörern aus tiefster Überzeugung: „Viel Spaß beim Erziehen!“

„Erziehung hat zu tun mit Lachen und Humor“, betonte Jan-Uwe Rogge gleich zu Beginn. Fest steht für den Familienberater offenbar auch, dass Erziehungsvorträge einen gehörigen Spaßfaktor haben dürfen. So lieferte der 66-Jährige auf der Bühne der Stadthalle eine komödiantische und provokative One-Man-Show, die an ein pädagogisch gefärbtes „Caveman“ erinnerte. Statt der Mann-Frau-Thematik richtete der promovierte Verhaltens- und Sozialwissenschaftler seinen Fokus jedoch auf Szenen zwischen Kindern und Eltern, Kindern und Großeltern sowie Kindern untereinander. Er nahm schwarzmalerische, bierernste Pädagogen ebenso aufs Korn wie kontrollsüchtige Mütter, die einen Erziehungsratgeber nach dem anderen verschlingen, um ja alles richtig zu machen.

Schallendes Gelächter und ertappte Mienen zeugten immer wieder davon, dass Jan-Uwe Rogge mit seinen Alltagsgeschichten den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Beim reinen Entlarven beließ er es jedoch nicht. Der Erziehungs-Entertainer bot seinen Zuhörern immer wieder auch humorig verpackte und mehr oder minder versteckte Tipps.

„Was vertreibt den Spaß aus der Erziehung?“ fragte Rogge und gab selbst die Antwort: „Das sind Sätze wie: Ich will es besser machen.“ Vor 30 Jahren habe man noch anders erzogen. „Früher sollten Kinder spielen. Heute sollen sie schön spielen“, verdeutlichte er. Damals hätten sich Kinder auch in den Büschen getroffen. „Heute gibt es auch noch Büsche.Aber in jedem Busch steckt eine Mutter.“ Ständig diagnostizierende und glotzende Erwachsene seien eine Last für Heranwachsende.

Deutlich machte der Familienberater, dass er keineswegs für Laisser-faire plädiere: „Man darf auf Erziehung nicht verzichten.“ Vielmehr rief er dazu auf, sich von Perfektionismus und Humorlosigkeit in der Erziehung zu verabschieden, von Kontrollwahn und dem Zwang, alles besser machen zu müssen.

Eine Anekdote handelte vom knapp vierjährigen Tim. „In Tims Kindergarten wurde nicht gemalt und gebastelt“, erzählte Jan-Uwe Rogge: „Es wurde gespielt.“ Tims Mutter sei entsetzt darüber gewesen. „Sie sah Baden-Württemberg in der Pisa-Studie hinter Angola absinken.“ Rogge selbst habe den Kindergarten sehr gut gefunden, unter anderem, weil er den kleinen Kindern größere Kinder als Paten zugewiesen habe. Tim bekommt Carlo, einen gestandenen Sechsjährigen. Von ihm lernt er auch ein neues Wort: „Arschgeige“. Als er die Errungenschaft an seiner Mutter ausprobiert, vergisst sich diese und brüllt ihren Sohn an: „Woher hast du dieses Wort?“ Tim kontert gelassen: „Sagen wir alle im Kindergarten.“

Dass die Mutter angesichts der unerwarteten Begrüßung pädagogisch völlig unkorrekt ausflippt, ist aus Sicht von Jan-Uwe Rogge nur menschlich. „Immer wieder fragen mich Mütter: Was soll ich denn anders machen?“ Die Antwort des Familienberaters: „Nix. Eure Kinder lieben euch so, wie ihr seid.“ Viel wichtiger sei es, dass auch die Eltern ihren Nachwuchs annehmen: „Akzeptiert eure Kinder so, wie sie sind“, mahnte er. Dazu gehöre es, zu dem im Supermarkt tobenden Dreijährigen genauso zu stehen wie zu dem 16-Jährigen, der betrunken von der Polizei nach Hause gebracht wird.

Dankbarkeit und Demut sind zwei Schlagworte, die aus Rogges Sicht für eine gelungene Eltern-Kind-Beziehung unerlässlich sind: „Sei dankbar, dass du dieses Kind hast und erhebe dich nicht“, sagte er. Unter demütigen Eltern versteht Rogge Erwachsene mit Erdung, die wissen, was sie können – und vor allem auch, was sie nicht können. „Akzeptiere dich wie du bist“, forderte er auf. Dann falle es auch leichter, sein Kind mit seinen Stärken und Schwächen anzunehmen. Ein Satz, der signalisiere, dass das noch nicht gelungen sei, laute: „Ich will doch nur dein Bestes.“ Wie das bei Kindern ankommt, verdeutlichte Jan-Uwe Rogge mit einem Zitat der zehnjährige Barbara: „Meine Mama will nur mein Bestes – was bleibt denn da noch für mich?“

Stattdessen riet er den Zuhörern, es mit Pestalozzi zu halten. „Lache dreimal am Tag mit deinem Kind“, zitierte Rogge und schob einen zweiten Ausspruch des Schweizer Pädagogen hinterher: „Die schlimmste Strafe für Kinder sind Eltern, die nicht lachen.“Foto: Andreas Lüssem