Kirchheim. „Reichspogromnacht“: Vor 75 Jahren, in der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, brannten in ganz Deutschland die Synagogen, wurden Menschen „jüdischer Abstammung“ brutal misshandelt, beraubt, vertrieben, entrechtet. Dies
Martin Brost
war ein weiterer Schritt hin zur physischen Vernichtung des gesamten europäischen Judentums, die in den Gaskammern von Auschwitz ab 1942 auf grauenhafte Weise verwirklicht wurde. Dieses unfassbare Geschehen innerhalb der „Kulturnation Deutschland“ fordert zu ständiger Auseinandersetzung heraus. Dazu trug eine Veranstaltung der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde bei, die in der Kirchheimer Auferstehungskirche stattfand.
Willi Kamphausen und Peter Treuherz, die anhand einer von Antina und Dr. Eckart Beutel entwickelten Gesamtkonzeption mit Texten und Gedichten durch den Abend führten, stellten je ein bedeutsames Motto über die Gedenkveranstaltung: das Zitat von Richard von Weizsäcker „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“ und die Inschrift in der Gedenkstätte Yad Washem in Jerusalem „Verdrängen hält die Erlösung auf, Erinnern bringt sie näher“.
Im Mittelpunkt des Abends sollte das Ghetto Theresienstadt stehen, über dessen Entstehung und Funktion Peter Treuherz als sachkundiger Historiker berichtete. Es war ab 1941 Zwischenstation vor den Todeslagern Auschwitz und Birkenau. Auf einer Fläche, die vorher 7 500 Menschen Platz bot, wurden dann 88 000 Menschen zusammengepfercht.
Die erschütternden Schicksale von Kirchheimer Juden, die Brigitte Kneher schilderte, holten das ferne Theresienstadt plötzlich ganz nahe heran: Im Ghetto waren nicht nur Künstler und Musiker, deren Werke an diesem Abend zu hören sein sollten, sondern auch zwei jüdische Mitbürger aus Kirchheim. Obwohl der Justizbeamte Julius Mayer, wohnhaft in der Friedrichstraße 15, einen gewissen Schutz genoss, musste er 1945 noch drei Monate in Theresienstadt um sein Leben bangen, ehe er befreit wurde. Völlig erschütternd, und doch millionenfach so geschehen, das Schicksal der Familie des Viehhändlers Reutlinger, die 40 Jahre geachtet, bescheiden und hilfsbereit in der Jesinger Straße 18 gelebt hatte und 1937 durch die Nazis ihre gesamte Existenzgrundlage verlor und so für die Auswanderung schließlich zu arm und zu alt war. Nach dem Tod ihres Ehemanns wurde Babette Reutlinger 1942 noch mit 82 Jahren nach Theresienstadt deportiert und im Vernichtungslager Maly Trostinec umgebracht. Ihre ganze Familie wurde durch Massenerschießungen ausgelöscht. An alle erinnern Stolpersteine in Kirchheim.
Vor diesem erschütternden Hintergrund waren die Ohren für die folgende Musik doppelt sensibilisiert. Plötzlich standen bei aller Abstraktheit der Musik hinter ihr die konkreten Erfahrungen, die auch die Musiker in Theresienstadt gemacht haben.
In Theresienstadt war die gesamte jüdische Künstler-Schicht aus allen besetzten Gebieten. Die NS-Machthaber missbrauchten das dort in Fülle vorhandene künstlerische Potenzial auf infame Weise, um durch ein „Vorzeigelager“ die Weltöffentlichkeit über die wahren Absichten zu täuschen
Hatten die Künstler in Theresienstadt zwar eine größere Freiheit als anderswo, so lebten sie zugleich unter menschenunwürdigen Ghetto-Bedingungen und der ständigen Angst und Ungewissheit: Jedes Konzert konnte ihr letztes sein. Der schmale Grat zwischen Leben und Tod lässt in den in Theresienstadt komponierten Werken einen Lebens- und Überlebenswillen aufleuchten, der der Nazi-Barbarei den unerschütterlichen Glauben an das „ Kulturwesen Mensch“ entgegenhält.
Einige solcher Werke einstudiert zu haben, kann dem Streichtrio aus Reuttingen mit Roswitha Bettecken(Violine), Antina Beutei(Viola) und Martin Dinkei(Cello) gar nicht hoch genug angerechnet werden, denn damit geschieht tätige Aufarbeitung des Holocaust, indem dem Vergessen gewehrt wird.
Das geschah durch das Reuttinger Trio derart packend, dass die Zuhörer von Anfang an in den Bann dieser Musik gerieten und daraus nicht mehr entlassen wurden. Schrille Dissonanzen, aufrüttelnde Motorik, gepaart mit wehmütiger, fast morbider Abschiedsstimmung von Mahler‘schem Charakter – in all dem äußerte sich nicht nur die musikalische Sprache der damaligen Zeit – im Falle von Kofflers Trio-Satz sogar die 12-Ton-Technik Arnold Schönbergs – sondern spiegelte zugleich die Entstehungssituation im Ghetto wider: Musik auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Dass diese Erfahrung dem Publikum vermittelt wurde, ist der hochkarätigen, intensiv zupackenden Spielweise und großen Gestaltungskraft dieses Streichtrios zu verdanken. Ein Ensemble, das technisch wie rhythmisch schwierigste Passagen ebenso meistert wie ständige lebendige Wechsel von Tongebung und Klangfarben und dabei als Klangkörper eine völlig homogene Einheit bildet.
Zu hören waren „Passacaglia und Fuge“ von Hans Krasa (1899 bis 1944) und das „Trio“ von Gideon Klein (1919 bis 1945), bei beiden ihre unfreiwillig „letzten“ Werke vom Sommer 1944, bereits wenige Tage oder Wochen später hieß die Endstation Auschwitz. Krasa war auch der Schöpfer der Kinderoper „Brundibar“, die in Theresienstadt von den Nazis für ihren Propagandafilm missbraucht wurde. Der 20 Jahre jüngere Gideon Klein war 14 Jahre alt, als Hitler an die Macht kam. Eine Karriere als Pianist zeichnete sich ab, die aber durch die politische Entwicklung völlig vernichtet wurde, auch ein Kompositionsstudium musste der Hochbegabte abbrechen. Mit 22 Jahren wurde er nach Theresienstadt deportiert.
Am Ende der beeindruckenden Veranstaltung formulierte Willi Kamphausen aufrüttelnde Fragen: Damals Juden – heute Sinti und Roma aus Bulgarien und Rumänien? Damals Theresienstadt – heute Lampedusa und Syrien? „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“, betonte er.