Vize-Landrat und ZDF-Kommentator Matthias Berg ist hochzufrieden von den Paralympics zurückgekehrt
„Wir brauchen keinen großen Bruder“

Mit Jetlag, von der anstrengenden Reise gerädert? Wenn der Erste Landesbeamte Matthias Berg entspannt auf dem Balkon sitzt und kurz nach seiner Rückkehr von den Paralympics in Sotschi erzählt, wirkt er alles andere als das. Erfreut verteilt der ZDF-Kommentator Lob an ganz verschiedene Empfänger.

Esslingen. Matthias Bergs erste Anerkennung geht an das Publikum in Sotschi. „Es hat mit Sicherheit eine Medaille verdient“, sagt Berg. Alle Wettkämpfe waren ausverkauft, alle Nationen seien freundlich aufge­nommen worden – auch die Ukraine. Jede große Nation hatte ihren Fanclub dabei, so war das Publikum sehr international. Das nächste Lob geht an die deutschen Sportler. Zwölf der 13 deutschen Medaillen im Jahr 2010 in Vancouver entfielen auf drei Sportler, die alle danach aufgehört haben. „Nun stellte sich die Frage: Wie gut hat unsere Nachwuchsarbeit gezündet?“ Sie zündete bekanntlich sehr gut. Besonders begeistert ist Berg von der Stuttgarterin Anja Wicker, die gestern ihre zweite Medaille holte. „Vor ihr nehme ich mehrere Hüte ab, die hat es allen gezeigt.“

Berg hatte gleich zu Beginn Glück: Bei seinem Direktflug von Frankfurt nach Sotschi mit dem ZDF-Team reiste er in derselben Maschine wie die deutschen Sportler. „Wir konnten uns dreieinhalb Stunden lang unterhalten, auch mit den Trainern: Wo klemmt es? Wie sind die Chancen? Wie könnte es laufen?“ Zuvor war die deutsche Mannschaft mit großem Medieninteresse auf dem Flughafen Frankfurt, direkt am Gate, verabschiedet worden. Der Rückflug führte Berg dann über Moskau. „Das ist ziemlich ätzend, man fliegt doppelt so lang.“

Zwei Tage blieben den Sportlern und dem ZDF zur Vorbereitung. Einen Tag vor der Eröffnung gab es eine Generalprobe – zur gleichen Uhrzeit, damit die Lichtverhältnisse gleich sind. „Es war eine tolle Eröffnung mit toller Kulisse, die Leute gingen gut mit“, sagt Berg. Die Eröffnung nutzten die deutschen Sportler zu einem politischen Statement. Normalerweise marschieren die Sportler mit zwei Fähnchen ein, der Flagge ihres eigenen und des Gastlandes. Diesmal kamen die Deutschen, wie einige andere Nationen auch, ohne Fähnchen. Damit wollten sie zeigen, dass eben nicht alles ganz normal ist. Diese Aktion war nach dem strengen Regelwerk der Paralympics, das Demos und politische Bekenntnisse verbietet, zulässig. Das war es dann aber auch mit der Politik. „Der Sport sollte nicht die Rolle der Politik übernehmen“, sagt Matthias Berg. Putin war vor Ort, um die Paralympics zu eröffnen, hielt aber keine Rede. „Er war gut gelaunt da, ihm wurde begeistert applaudiert. Er hatte nie höhere Popularitätswerte als heute, seine Propagandamaschine läuft.“

Untergebracht war Berg 40 Kilometer von Sotschi, aber nur fünf Minuten zu Fuß vom Olympiapark entfernt. „Das Hotel Azimut hatte 3 800 Betten, das Nachbarhotel hatte 5 600 Betten zu bieten und wird nach den Spielen in Appartements umgebaut.“ Das Viersternehotel Azimut unterscheide sich durch nichts vom Westen, sagt Berg. Auch darin nicht, dass bei einem Neubau eben nicht alles gleich funktioniere, etwa der Abfluss oder der Duschkopf. „Das ist weltweit Standard“, sagt Berg. Der Vielgereiste erinnert sich dabei an Turin 2006. „Da hat auch nichts funktioniert.“

Berg schwärmt von der Landschaft des Kaukasus. „Da gibt es nur Laubbäume. Also unten braun und grau, oben die weißen Spitzen, wunderschön.“ Die Liftanlagen und Pisten seien topmodern. Aber: „Ich habe selten gesehen, dass etwas so steil ist.“ Der bei der Wärme aufgeweichte und mit speziellem Salz gebundene Schnee sei sehr schwierig zu fahren gewesen. „Da spritzen in den Kurven die Eiskörner, bilden sich Rillen, wir nennen das Badewannen.“ Aber für das, was da war, seien die Pisten „richtig gut präpariert“ gewesen.

Die Gestaltung des Bergdorfs empfand Berg „wie Disneyland oder den Europapark“. Es sei „nett und schön gemacht, aber halt Fassade“, architektonisch eine Mischung zwischen altem Rom und Neoklassizismus. Bei der Auffahrt in die Berge habe es gefühlt pro Kilometer einen Polizeiwagen und pro Richtung drei Radarkontrollen gegeben.

Sollen die Paralympics weiterhin separat bleiben, oder wären sie besser in die allgemeinen Spiele integriert? Matthias Berg ist klar für Ersteres. Die Vielzahl der Wettkämpfe sei in 16 Tagen nicht komplett unterzubringen, die Zahl der Sportler organisatorisch nicht in den Griff zu bekommen. Die Fernsehanstalten seien bei den Paralympics gut vertreten, es gebe zig Stunden Sendezeiten. „Wir brauchen keinen großen Bruder, der uns unterhakt.“

Auch nach seiner Rückkehr nach Esslingen sind die Spiele für Matthias Berg noch nicht vorbei. „Ich schaue zu, dass ich im Fernsehen viel Paralympics gucken kann. Das macht richtig Spaß.“