Infoartikel
„Wir“, nicht „die“

Früher war ein Rathausneubau oder -umbau nichts anderes als ein kommunales Infrastrukturprojekt, durchgeführt von der Verwaltung mit politischer Weichenstellung durchs Ratsgremium. „Die bauen ein neues Rathaus“, hätte es da in Jesingen geheißen.

Heute heißt es: „Wir bauen ein neues Rathaus.“ Denn die Jesinger werden in einem großen Beteiligungsprozess von Anfang an eingebunden, so wie dies beispielsweise auch in Ötlingen der Fall ist. Die Auftaktveranstaltung in der Jesinger Schule strotzte vor Aufbruchstimmung. Eine dreistellige Zahl Bürger war dem Aufruf gefolgt, sich einzubringen. Das bedeutet harte Arbeit, echte Beteiligung ist anstrengend. Statt leichthin Kritik zu äußern, gilt es, in kleinen, konstruktiv arbeitenden Workshops Weichen zu stellen. Dass nicht alle Wünsche berücksichtigt werden können, ist logisch. Die Gründe, weshalb manch ein Traum schnell ausgeträumt ist, werden öffentlich genannt und diskutiert: Bürgerbeteiligung fördert Transparenz.

Transparenz wiederum schafft Akzeptanz. Schon deshalb ist Bürgerbeteiligung den erhöhten Aufwand für die Verwaltung wert. Denn es ist keineswegs so, dass hier Arbeit auf die Bürger abgewälzt werden kann. Vorbereiten, präsentieren, informieren, moderieren, nachbereiten – das, was gemeinhin als „moderne Verwaltung“ etikettiert wird, verschlingt viel Zeit.

Doch die Investition zahlt sich aus, und das dürfte auch den unbeteiligten Steuerzahler freuen. Zum einen liegt der Gewinn darin, dass möglicherweise weniger nachgearbeitet werden muss. Auf jeden Fall besteht der Gewinn in einem enormen Plus an Wir-Gefühl im Ort, das den besten Nährboden für künftige Aktivitäten darstellt. Ist das Rathaus erst umgebaut oder neu gebaut, dann muss es schließlich auch mit Leben gefüllt werden. Auch da werden die Bürger gefragt sein. Auch da werden das Programm nicht „die“ machen, sondern „wir“.IRENE STRIFLER