Kirchheim. Den beiden bekanntesten Bewohnerinnen des Kirchheimer Schlosses – Franziska von Hohenheim und Herzogin Henriette – wollte die Kirchheimer Historikerin Rosemarie Reichelt noch eine
Andreas Volz
„Dritte im Bunde“ zur Seite stellen: In ihrem Vortrag zum Thema „Magdalena Sibylla – Herzogin von Württemberg (1652 – 1712)“ ließ sie im Spitalkeller eine Epoche auferstehen, die geprägt war von Kriegen und Zerstörungen, aber auch von barockem Glanz und weltabgewandter Frömmigkeit. Der Barockviolinist Dr. Bernhard Moosbauer bereicherte die Veranstaltung durch zeitgenössische Musik aus der Feder des damaligen Stuttgarter Hofkapellmeisters Theodor Schwartzkopff.
Magdalena Sibylla war es über Jahrzehnte hinweg gelungen, in Württemberg eigenständig zu agieren. Eines aber ist ihr nicht gelungen – posthum ihren letzten Herzenswunsch erfüllt zu bekommen: „Sollte es Gott gefallen, daß ich zu Kirchheim mein Leben beschließen sollte, so soll man in der Schlosskirchen allda vor dem Altar ein rechtes Grab in die Erden graben, daß ich da begraben und ruhen möge.“ Ansonsten wünschte sie sich in ihrem Testament noch, dass das Grab gleich wieder zugemacht und eine Platte darauf gelegt werde, „damit niemand wissen möge, daß daselbst ein Grab Vorhanden“.
Letztlich sei es bei einem „Beinahe-Begräbnis“ in Kirchheim geblieben, sagte Rosemarie Reichelt: „Magdalena Sibylla wurde entgegen ihrem Wunsch nicht in Kirchheim, sondern in der herzoglichen Gruft in der Stiftskirche in Stuttgart beigesetzt.“ Obwohl der Kirchheimer Obervogt 1712 – also vor 300 Jahren – alles versucht habe, die Schlosskapelle so weit fertigstellen zu lassen, dass ein würdiges Begräbnis möglich gewesen wäre, wurde ihr Leichnam am 25. August 1712, genau zwei Wochen nach ihrem Tod, mit großem Pomp von Kirchheim nach Stuttgart überführt. Rosemarie Reichelt: „Aufgrund ihrer besonderen Verdienste für das Land sollte sie ein Staatsbegräbnis bekommen, wie es bei Regenten üblich war.“
Magdalena Sibylla war es also genau umgekehrt ergangen wie einer ihrer prominenten Nachfolgerinnen: „Franziska von Hohenheim wäre knapp hundert Jahre später glücklich über eine solche Entscheidung gewesen. Sie wurde gegen ihren Willen nicht an der Seite ihres Mannes in Ludwigsburg, sondern bekanntlich hier in der Martinskirche beigesetzt.“
Mit dem Tod hatte sich Magdalena Sibylla schon frühzeitig auseinandersetzen müssen. Als sie 13 Jahre alt war, verlor sie ihre Mutter und wurde anschließend am schwedischen Königshof erzogen – von ihrer Tante Hedwig Eleonora, Witwe des schwedischen Königs Karl X. Gustav und Vormundschaftsregentin für ihren Sohn Karl XI. In Schweden lernte Magdalena Sibylla auch ihren Ehemann kennen, den württembergischen Thronfolger Wilhelm Ludwig.
Der Verbindung mit dem fünf Jahre älteren Wilhelm Ludwig war aber nur ein kurzes Glück beschieden: Der Verlobung 1672 folgte im November 1673 die Hochzeit in Darmstadt, wo Magdalena Sibylla als Tochter von Landgraf Ludwig VI. von Hessen-Darmstadt und Maria Elisabeth von Holstein-Gottorp am 28. April 1652 geboren worden war. Im Februar 1674 wurde schließlich in der üppigsten barocken Pracht in Stuttgart die „Heimholung“ gefeiert. Das frisch vermählte Erbprinzenpaar zog in die Residenzstadt ein, wo Wilhelm Ludwig nur wenige Monate später – nach dem Tod seines Vaters, Herzog Eberhards III. – die Herrschaft übernahm. Knapp drei Jahre später starb der 30-jährige Herzog Wilhelm Ludwig am 23. Juni 1677 bei einem Kuraufenthalt in Hirsau. Dem dortigen Totenbuch sei über den Leib
des toten
Herzogs zu entnehmen: die Leber sei „ganz schwarz und zerfahren, die Lunge halb faul und die Gallenblase voller Steine“ gewesen.
In den Akten zum Tod des Herzogs im Hauptstaatsarchiv Stuttgart befindet sich auch das oben dargestellte Bild, das die 25-jährige Witwe Magdalena Sibylla am Sarg ihres Gatten zeigt. Die fromme Umschrift lautet „Gottes wille mein Trost.“ Das Bild ist historisch auch deshalb von Bedeutung, weil es sich im Hintergrund um eine von zwei erhaltenen Abbildungen von Schloss und Kloster Hirsau handelt. Die Anlage sei 1693 „in den Franzosenkriegen abgebrannt und nie wieder aufgebaut worden“.
Aber auch für Magdalena Sibylla persönlich war das Geschehen in Hirsau von allergrößter Bedeutung. Der dortige Ortspfarrer Albrecht Lass-Adelmann hat 2009 einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er den plötzlichen, frühen Witwenstand Magdalena Sibyllas als „ihr Lebensthema wie auch ihr Lebenstrauma“ bezeichnet.
Der bereits als einer der „Franzosenkriege“ erwähnte Pfälzische Erbfolgekrieg wurde gleichfalls zum Lebensthema der Herzoginwitwe, allerdings nicht wirklich zum Trauma. Denn es ist ihr gelungen, durch Verhandlungen mit den jeweiligen Befehlshabern des „Sonnenkönigs“, also Ludwigs XIV., nicht nur die württembergische Hauptstadt Stuttgart vor der Zerstörung zu bewahren, sondern auch Stadt und Amt Kirchheim. In einem von ihr erwirkten Schutzbrief des Generals Joseph de Montclar vom 16. Dezember 1688 heißt es in der deutschen Fassung: „Wir haben unter des französischen Königs und unseren absonderlichen Schutz genommen Ihro Durchlaucht, die verwittibte Herzogin zu Württemberg Kirchheim, desgleichen die bemellte Statt Kirchheim mit aller ihrer Angehörend, desgleichen alle Güter und Häuser besagten Orts und verbieten ganz ausdrücklich allen Soldaten nichts anzugreifen oder hinweg zu nehmen, was bemelter Herzogin und diesen Inwohnern gehörig ist, bey Lebensstraf.“
Bei der „verwittibten Herzogin“ mit Witwensitz in Kirchheim handelt es sich übrigens nicht um Magdalena Sibylla, sondern um ihre Schwiegermutter, Maria Dorothea Sophia, die Witwe Herzog Eberhards III. Was Magdalena Sibylla aber nicht verhindern konnte, das war die Zerstörung Kirchheims durch den Stadtbrand am 3. August 1690. Aber auch hier reagierte sie mit einem Brief, den sie veranlasste – in diesem Fall mit einem „Brandbrief“, in dem sie für ganz Württemberg eine Brandsteuer ausschrieb, für die „armen verbrannten und ganz und gar ruinierten“ Kirchheimer.
Die Macht, eine solche Umlage zu veranlassen, hat sie sich beständig erkämpft. Ihr Gegenspieler bei der Frage, wer für ihren unmündigen Sohn Eberhard Ludwig die Regentschaft übernimmt, war ihr Schwager Friedrich Carl, der Bruder Wilhelm Ludwigs. Gegen ihn und seine Rolle als kaiserlich bestellter Administrator konnte sich Magdalena Sibylla immer wieder erfolgreich durchsetzen, zuletzt 1693 durch die vorzeitige Mündigkeitserklärung für ihren 16-jährigen Sohn.
Der entmachtete Friedrich Carl, Vater des späteren Herzogs Carl Alexander, lebte mit seiner Familie bis 1697 im Kirchheimer Schloss. Magdalena Sibylla selbst zog vermutlich erst im Herbst 1710 endgültig dort ein – ihrerseits längst abgeschoben vom prunksüchtigen Sohn. Als Verfasserin von frommer Erbauungslyrik wurde sie später von den Pietisten vereinnahmt. Einige ihrer Texte sind seit jeher Bestandteil württembergischer Gesangbücher. Speziell in der Martinskirche ist aber noch etwas anderes von Magdalena Sibylla erhalten geblieben: Das Taufgeschirr, das sie 1707 gestiftet hat, wird bis heute verwendet.
