Kirchheim. Auf dem Blattstädter Rathaus steigt die Nervosität. Die Mitarbeiter gehen Listen durch und rechnen. Bürgermeisterin Cora hat nämlich die Steuern gesenkt und jetzt ist nicht ganz klar, ob die Einnahmen überhaupt reichen, um alle Löhne zu bezahlen – geschweige denn, den heiß ersehnten Wasserpark zu eröffnen. Sozialpädagogin Barbara Bartussek, hauptamtliche Mitarbeiterin in der Linde und Organisatorin der Spielstadt, schmunzelt angesichts der Situation. „Die Kinder lernen hier die Realität spielerisch kennen“, erläutert sie den pädagogischen Hintergrund des Kinderferienprogramms. „Sie sollen zum Beispiel sehen, warum es Steuern gibt und wo das Geld hinfließt.“
Klar wird den 50 Grundschulkindern in der Woche in Blattstadt auch, dass es nichts umsonst gibt. Das gilt in der Spielstadt, die nach den Blättern des Lindenbaums im Garten des Mehrgenerationenhauses benannt ist, nämlich genauso wie im wahren Leben. Um sich ihre „Blüten“ – wie die Blattstädter Währung heißt – zu verdienen, müssen die Jungen und Mädchen arbeiten. In der Schreinerei oder dem Forschungszentrum, der Designwerkstatt oder der Werbeagentur, der Bank oder der Küche. Jobs gibt es in Blattstadt übrigens genügend. In diesem und einigen anderen Punkten unterscheidet sich die Kinderspielstadt von der Realität. So bekommt in Blattstadt zum Beispiel jeder das gleiche Gehalt, egal welchen Job er macht. Auch können die Kinder ihre Arbeitsstellen täglich wechseln und mal nur ein oder zwei Stunden arbeiten gehen – gegen geringeren Lohn, versteht sich. Polizei existiert keine. „In Blattstadt sind alle Leute harmlos“, begründet Cora, die für die Woche in die Rolle der Bürgermeisterin geschlüpft ist.
„Und ist wichtig, den Partizipationsgedanken bei den Kindern zu wecken“, sagt Linde-Hausleiter Matthias Altwasser. „Das Gute an dem System ist nämlich, dass man etwas verändern kann.“ So gab es in Blattstadt schon einen Streik der Postmitarbeiter, weil sie so viel zu tun haben und so wenig verdienen. Außerdem hat die Bürgermeisterin beschlossen, dass die Stadtwerke, die für die Müllbeseitigung zuständig sind, mehr Geld bekommen, dass süßes Popcorn teurer werden und gesundes Obst umsonst verteilt werden soll. „Die Spielstadt fällt unter das Schwerpunktthema ‚Wertebildung‘ im Mehrgenerationenhaus“, sagt Matthias Altwasser. Es gehe darum, zu erkennen, was wertvoll und gerecht ist und was Freiheit bedeutet.
An diesem Vormittag legen viele Kinder schon früh ihre Arbeit nieder, um den Höhepunkt des Tages mitzuerleben: Die Eröffnung des Blattstädter Schwimmbads – von der Tageszeitung „Blattstädter Bote“ übrigens tags zuvor groß angekündigt. Die richtige Balance zwischen „Arbeit“ und „Vergnügen“ muss jedes Kind in Blattstadt für sich selbst finden. Während manche Kinder ihr zuvor verdientes Geld auch mal dazu nutzen, einen Tag lang gar nicht „arbeiten“ zu gehen, sich in den Wasserpark-Planschbecken oder im Funpark mit Dosenwerfen und Trampolinspringen zu vergnügen, schuften andere kleine Bürger Tag für Tag von morgens bis abends durch. „Manchmal müssen wir die Kinder sogar daran erinnern, dass ihr Erspartes nach Ende des Kinderferienprogramms nichts mehr wert ist, und sie es lieber ausgeben sollen“, sagt Barabara Bartussek. Die Leistungen besonders eifriger und guter Mitarbeiter werden übrigens entsprechend gewürdigt. Sie bekommen beispielsweise den Meistertitel verliehen und einen Eintrag in ihren Blattstädter Ausweis.
Damit an den gut ein Dutzend Spielstationen alles glattläuft, hat die Linde jede Menge Mitarbeiter motiviert. Insgesamt 19 Personen kümmern sich um die 50 Grundschüler. Neben den beiden Hauptamtlichen sind auch Auszubildende, ein FSJler und ein Zivi, Ehrenamtliche und Realschüler im Praktikum in die Kinderstadt eingebunden. Unterstützung bekommt die Linde zudem von zwei Museumsmitarbeiterinnen aus dem polnischen Pruszków, die im Rahmen eines Austauschsprogramms einen Theaterworkshop anbieten. Im Gegenzug wird Barbara Bartussek nach Polen reisen und beim museumspädagogischen Ferienprogramm in Pruszków mit anpacken.
Mit dem Verlauf der Spielstadt sind Matthias Altwasser und Barbara Bartussek rundum zufrieden. „Heute standen die ersten Kinder schon eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn vor den Toren und wollten unbedingt rein“, freut sich Barbara Bartussek. Haben Eltern in Blattstadt normalerweise nur bei speziellen Stadtbesichtigungen Zutritt, sind heute am letzten Tag ab 15 Uhr die Türen der Spielstadt auch für die Erwachsenen weit geöffnet.
