Owen. Bürgermeisterin Verena Grötzinger hatte nach eigener Aussage erst einmal „tief durchgeatmet“, als sie erstmals von diesem Ausstellungsthema erfahren hatte. Ihre ursprüngliche Frage, ob dieses ernste Thema überhaupt in den Reigen der Festveranstaltungen passt, hat sie inzwischen aber selbst beantwortet: „Es ist genau richtig für unser Jubiläumsprogramm. Wir sind so, wie wir sind, weil uns die Geschichte geprägt hat.“
Und besonders prägend war eben auch die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, der in Owen rund drei Wochen vor der endgültigen Kapitulation vom 8. Mai 1945 bereits zu Ende gegeangen war. Die Initiative für die Ausstellung im Herzog-Konrad-Saal hatte der „Alt-Owen-Förderkreis“ ergriffen. Dessen Ziele fasste der Erste Vorsitzende Rainer Laskowski folgendermaßen zusammen: „Dinge, die sich historisch noch fassen lassen, festhalten, dokumentieren und an nachfolgende Generationen weitergeben; Heimatgeschichte durch Veranstaltungen präsentieren; Jugendliche an die Heimatgeschichte heranführen“. Insbesondere sei es auch ein Anliegen des Vereins, das festzuhalten, was Fritz Nuffer aus der Geschichte der Stadt Owen alles zu berichten weiß.
Allen diesen Anliegen wurde die Ausstellungseröffnung voll und ganz gerecht: In seiner unnachahmlichen Art berichtete Fritz Nuffer sachlich und trocken von den furchtbaren Ereignissen im April 1945, als in Owen 54 Gebäude abgebrannt sind. Zunächst zitierte er einen schriftlich festgehaltenen Augenzeugenbericht, in dem das Schwarz-Weiß-Rot der einstigen Hakenkreuzbeflaggung bereits anders gedeutet worden war: Rot stand jetzt für „das rasende Element Feuer“, das in Owen 54 Gebäude vernichtet hatte. Schwarz stand für „die riesige Rauchwolke über dem Ort“ und für die ausgebrannten Häuser mit ihren verkohlten Balkenresten. Weiß aber – und das ist das Besondere, das für die spätere Wiederaufbauleistung nach diesen schweren Stunden steht – waren in dieser Deutung „die Wolken, die darüber hinwegzogen und bekundeten: Das Leben geht weiter“.
Erst einmal aber war das bisherige Leben für viele Familien zu Ende oder doch stark verändert. Ihre Häuser waren einerseits durch Jagdbomberangriffe zerstört oder durch sonstigen Beschuss in Brand gesteckt worden. Besonders schlimm erwischt es am 21. April 1945 die Bewohner der „Hinteren Gasse“. Als die Grabenbrücke dem Gewicht eines amerikanischen Panzers nicht gewachsen ist und einstürzt, vermuten die US-Soldaten einen Sabotageakt und zerstören zur „Strafe“ die nächstgelegene Häuserzeile. Dabei hatte sich der Owener „Volkssturm“ sogar geweigert, Panzersperren zu schließen, wie Fritz Nuffer berichtete. Die Männer des „Volkssturms“ hatten erkannt, dass diese Art der Verteidigung sinnlos war. Diese Erkenntnis aber laut auszusprechen oder gar in der Tat die Konsequenzen daraus zu ziehen, das stand damals unter Todesstrafe.
Fritz Nuffer konnte über jedes einzelne Haus, das damals abbrannte, Auskunft geben, auch über die Bewohner oder das Vieh im Stall. Mitunter waren es furchtbare Geschichten, die er erzählte – etwa von einem Toten, der im Haus aufgebahrt war und anschließend mitsamt seinem Haus verbrannte, oder von einem Stall, aus dem kein Stück Vieh mehr zu retten war: „Des war henterher a schlechte Sach, die Viecher älle rausschloifa ond verschärra.“ Manche Bewohner hatten es auch fertiggebracht, Möbel und andere persönliche Gegenstände aus brennenden Häusern zu retten und bei den Nachbarn unterzustellen. Anderntags brannte diese Habe dann aber oftmals mit dem Nachbarhaus ab.
Trotz aller Tragödien streute Fritz Nuffer aber auch immer wieder lustige Anekdoten über Owener Originale in seinen Bericht mit ein oder auch über die Möglichkeiten, Familien durch Berufe oder sonstige Eigenschaften auseinanderzuhalten: So erwähnte er etwa „Kastenpflegers Haus“. Der Bewohner war einst Kastenpfleger, und dieses Amt war weitaus ungewöhnlicher als der Nachname Barner. Am Amtsplatz wiederum wohnte einst „Johannes in der Scheuer“. Er hauste aber keineswegs direkt in der Scheuer. Den Namen erklärte Fritz Nuffer folgendermaßen: „Der hat koi Haustür g‘het. Zu dem hat mr miaßa durch d‘Scheuer nei.“
Auch die unliebsame Vergangenheit der Stadt Owen verdrängte Fritz Nuffer nicht: Owen war einstmals eine braune Hochburg. Das Haus, in dem die örtliche NSDAP-Zentrale untergebracht war, war ursprünglich ein Wohnhaus. Die Witwe des Erbauers musste es schließlich vermieten. Der Mieter wegen wurde das Haus in Owen auch „braunes Haus“ genannt. Dieses Haus wurde im April 1945 dann ebenso zerstört wie zahlreiche weitere Gebäude, darunter das Schulhaus, das E-Werk, die Apotheke oder auch die Kirche.
Die Kirche hatte sich übrigens zunächst gut gehalten: Nur der Kirchturm war abgebrannt, und mit ihm die einzige in Owen verbliebene Glocke. Als deren Schmelzpunkt gab Fritz Nuffer eine Temperatur von 1 160 Grad Celsius an, um zu demonstrieren, wie heiß das Feuer im Kirchturm loderte. Ein Glutnest muss sich allerdings im Kirchendach gehalten haben, sodass das Kirchenschiff eine Woche nach dem Turm abbrannte.
Die Apotheke ist auch ein Beispiel für den späteren Wiederaufbau in Owen. Auf dem Foto, das Fritz Nuffer zeigte, waren außer einem behelfsmäßigen Notdach auch Steinhaufen zu sehen: „Die waren schon zum Wiederaufbau geputzt.“
Die Ausstellung im Herzog-Konrad-Saal ist bis Sonntag, 15. Mai, täglich von 14 bis 18 Uhr zu sehen, am Schlusstag bereits direkt nach dem Gottesdienst zum Biosphärenfest. Der Eintritt ist frei.
