Wie Menschen den Ruhestand erleben – Heute: Carla Bregenzer
„Wow, hab‘ ich jetzt Zeit“

Frickenhausen. „Ich fühle mich noch nicht so, als müsste ich mich aufs Altenteil zurückziehen“, sagt die (Un)-Ruheständlerin Carla Bregenzer. Vielfältig engagiert sie sich in

Politik und Schulen ehrenamtlich und ist damit den beiden Bereichen treu geblieben, die auch ihren beruflichen Alltag bestimmten. Als Pressesprecherin der SPD-Kreistagsfraktion, Gemeinderätin und stellvertretende Bürgermeisterin in Frickenhausen, Vorsitzende des Fördervereins der Janusz-Korczak-Schule sowie des Freundeskreises „ihrer Schule“, der Johannes-Wagner-Schule in Nürtingen, hat sie auch als 65-Jährige noch jede Menge zu tun. Dazu kommen Sprachtests, die sie ab und zu im Auftrag des Gesundheitsamtes an Kindergärten übernimmt. „Heute Morgen war ich beispielsweise in Owen – im Herbst ballt sich das immer ein bisschen“, meint Carla Bregenzer lapidar. Trotz oder wegen der zahlreichen Aufgaben, zu denen im vergangenen Jahr auch die Leitung des Landtagswahlkampfes von Walter Bauer im Wahlkreis Nürtingen gehörte, fühlt sich die Mittsechzigerin schlicht als „klassische Ruheständlerin“.

Etappenweise schied Carla Bregenzer aus dem Berufsleben aus: Vor gut vier Jahren legte die Kirchheimer SPD-Landtagsabgeordnete ihr Mandat nieder, zwei Jahre später ging sie aus dem Schuldienst. Den Beginn ihres Ruhestandes zu markieren, fällt der einstigen Vollblutpolitikerin leicht: „Das war, als ich mich aus dem Landtag verabschiedet hatte. Von da an musste ich eben nicht mehr von 8  bis 23 Uhr auf Achse sein.“ Dass sie als Abgeordnete sowie als sekten- und hochschulpolitische Sprecherin ihrer Fraktion 16 Jahre lang ein stressiges Leben führte, sei ihr damals gar nicht in den Sinn gekommen. „Meine Arbeit hat mir ja immer Spaß gemacht“, erklärt Carla Bregenzer. „Ich glaube nicht, dass ich getrieben gewirkt habe, aber jetzt bin ich viel mehr bei der Sache.“ Erst später habe sie manchmal überlegt: „Wow, hab‘ ich jetzt Zeit. Das habe ich genossen. Da mussten keine Mails mehr geschrieben, keine unaufschiebbaren Telefonate geführt oder Briefe unterzeichnet werden.“ Am deutlichsten sei ihr geworden, welche Freiheit sie plötzlich besaß, als sie mit ihrer Enkeltochter einmal in der Kirchheimer Fußgängerzone unterwegs war: „Die Kleine lief nach links, ich wollte eigentlich nach rechts. Da habe ich gedacht, im Grunde ist es doch egal, in welche Richtung wir gehen und wann wir nach Hause kommen“, erinnert sich Carla Bregenzer lachend. Nicht mehr fremdbestimmt zu sein, sondern selbst über ihre Zeit verfügen zu können, schätzt sie deshalb heute besonders.

Glücklich darüber, dass ihre Tochter von Köln erst nach Kirchheim und jetzt nach Frickenhausen gezogen ist, verbringt die Großmutter viel Zeit mit ihren drei- beziehungsweise einjährigen Enkeltöchtern. Die Familie war auch mit ein Grund dafür, dass Carla Bregenzer den einstigen Plan, in ihrem Ruhestand ein Studium in Forensischer Psychiatrie aufzunehmen, verworfen hat. „Ich habe andere Prioritäten gesetzt, bin jetzt hauptamtlich Großmutter und entlaste meine Tochter. Zeitlich wüsste ich auch gar nicht, wie ich ein Studium unterbringen sollte.“

Nachdem sie der Landespolitik den Rücken gekehrt hatte, wurde Carla Bregenzer bewusst, wie schnell man draußen ist, wenn man in Entscheidungsprozessen nicht mehr drinsteckt. „Man sieht das Ergebnis, weiß aber nicht, wie es zustande gekommen ist.“ Loslassen zu können, sei für sie kein Problem gewesen. Gar keine Politik mehr zu machen, könnte sich Carla Bregenzer indes nicht vorstellen. Angehörige der 68er-Generation, war sie während ihres Studiums Fachschaftssprecherin. Proteste am Pershing-II-Stationierungsort Mutlangen gehören ebenso zu ihrer Biografie. „Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als mit dabei zu sein, um etwas zu erreichen“, betont Carla Bregenzer. Entsprechend bringt sie sich wieder im Esslinger Kreistag und im Gemeinderat in Frickenhau­sen ein – aus beiden Gremien war sie während ihrer Abgeordnetenzeit ausgeschieden. Sie hat interessante Wandlungen bemerkt: „Die Gemeinderäte sind jetzt ganz anders als damals.“ Sei sie früher mit Themen wie verlängerten Öffnungszeiten in Kindergärten oder Mensen in Schulen angeeckt, renne sie damit jetzt auch bei Freien Wählern und CDU-Räten offene Türen ein. Doch auch bei sich selbst hat sie einen Entwicklungsprozess festgestellt: „Ich habe gelernt, anders zu diskutieren und etwas konzilianter auf andere zuzugehen. In vielen Bereichen ist es wichtig, Kompromisse zu fassen.“

Während ihr Mann in aller Seelenruhe Zeitung lesen oder auch einfach nur aus dem Fenster gucken könne, ist Carla Bregenzer gerne unterwegs oder stürzt sich in die Gartenarbeit. „Ich muss vielleicht noch jahrelang im Sessel sitzen“, sagt sie. Viermal im Jahr geht‘s auf Reisen: Ob ins Burgenland, an den Neusiedlersee, in die Vogesen oder auf Studienreise – die Urlaubszeiten müssen nun nicht mehr in Schulferien beziehungsweise Sitzungswochen im Landtag eingetaktet werden.

Und noch etwas hat nach 33 Jahren wieder Einzug in Carla Bregenzers Leben gehalten: Der „Weiberklatsch“ mit Frauen aus dem Mehrfamilienhaus, in dem die SPD-Politikerin seit 36 Jahren wohnt. Was sie früher für vergeudete Zeit hielt, kann sich nun auch mal bis spät in den Abend hineinziehen. Ein Abo für Oper und Theater sowie Kinobesuche mit Freundinnen sorgen neben ausgiebigem Schmökern für ein buntes Ruhestandsdasein. Da kann es durchaus mal vorkommen, dass bis um 3.30 Uhr im Fernsehen Loriot geguckt wird. „So was hätte ich mir früher nicht leisten können.“

Ein Geheimnis ihres erfüllten Lebens jenseits der Arbeitswelt liegt für Carla Bregenzer auf der Hand: „Ich habe Freundschaften gepflegt“, sagt sie. „Denn mir war immer klar, es gibt ein Leben außerhalb der Politik.“