Distriktgottesdienst mit Landesbischof Frank Otfried July im Gedenken an Julius von Jan
„Zeichen der Gerechtigkeit“

75 Jahre nachdem Pfarrer Julius von Jan in seiner Bußtagspredigt die Reichspogromnacht verurteilte und dafür ins Gefängnis kam, versammelten sich zahlreiche Menschen in der Oberlenninger Martinskirche, um seiner zu gedenken. Hierzu war auch der evangelische Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July gekommen.

Robert Berndt

Lenningen. „O Land, Land, höre des Herrn Wort“, heißt es in Jeremia 22,29. So ruft der Prophet dort sein Volk auf, damit es sich erinnert und nicht abkehrt von seinem Gott. Daran erinnerte auch der Oberlen­ninger Pfarrer Julius von Jan seine Gemeinde in seiner Bußtagspredigt vor 75 Jahren, am 16. November 1938, „damit sie wachsam blieben, aufmerksam für alles Unrecht, das sich in jenen Tagen vollzog“. Nur eine Woche zuvor hatten damals die Nationalsozialisten mit der Reichspog­romnacht vom 9. auf den 10. November landesweit für Entsetzen gesorgt und jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand gesteckt. Tausende von Juden wurden dabei geschlagen, verhaftet, verschleppt oder sogar getötet.

Zum Gedächtnis an Julius von Jan und seinen mutigen Einspruch gegen die Reichspogromnacht hielt zum diesjährigen Buß- und Bettag der evangelische Landesbischof Frank Otfried July die Predigt beim Distriktgottesdienst in der Oberlenninger Martinskirche. Er sprach von derselben Kanzel, von der auch Julius von Jan damals das Wort an seine Gemeinde gerichtet hatte. Eingeleitet wurde Julys Predigt dabei von drei bedrückenden Spielszenen, die von Mitgliedern der Oberlenninger Jugendarbeit aufgeführt wurden: Ein junger Mann wird auf einem Bahnsteig von Jugendlichen provoziert und zusammengetreten; ein kleiner Junge wird über das Internet und auf dem Schulhof gemobbt und ausgegrenzt; ein Familienstreit eskaliert und eine Mutter schlägt ihr Kind in aller Öffentlichkeit. Bei jeder Szene ist das Opfer sich allein überlassen, die anderen Anwesenden und Passanten sehen weg und ignorieren das, was sich da vor ihren Augen abspielt.

„Die von den Jugendlichen hier aufgeführten Szenen führen uns ein in das, was auch am heutigen Buß- und Bettag immer noch zur Rede steht,“ erinnerte July die Gemeinde. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“, zitierte July mahnend den Vers aus dem Buch der Sprüche, unter dem der Gottesdienst zum Buß- und Bettag stand. Die Sünde greife vor allem dann nach den Menschen, wenn sie gleichgültig werden, wenn sie wegschauen, wenn es unangenehm werde. Doch Julius von Jan konnte und wollte nicht wegschauen und nicht schweigen. Das Besondere an seiner Bußtagspredigt vor 75 Jahren sei gewesen, dass er als einer von wenigen das an den Juden verübte Unrecht schonungslos und öffentlich beim Namen nannte. „Wo andere schwiegen, sprach Pfarrer Julius von Jan klar aus, was aus seiner Sicht in der Treue zu Gott gesagt werden musste“, betonte July und zitierte dabei auch die entscheidenden Passagen aus Jans Predigt: „Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote Gottes missachtet, Gotteshäuser, die anderen heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört. Männer, die unserem deutschen Volk treu gedient und ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt haben, wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer anderen Rasse angehörten.“

Landesbischof July bezeichnete Julius von Jans Bußtagspredigt als „mutiges Zeichen der Gerechtigkeit“ und bedauerte sehr, dass die damalige Kirchenleitung von Jan nicht stärker unterstützte und die Bischöfe im Dritten Reich nicht mutiger gewesen waren. „Ich danke Gott für Julius von Jan und bitte um Vergebung für die Fehler und das Versagen unserer Kirche, auch unserer Kirchenleitung.“

Heute lebten die Menschen glücklicherweise in anderen Verhältnissen. Auch wenn die Situationen, Herausforderungen und Fragestellungen andere sind als vor 75 Jahren, bietet der Buß- und Bettag nach wie vor Gelegenheit dazu, über Fehler und Irrwege im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben nachzudenken und sich dazu zu entscheiden, etwas zu ändern. Gerade heute gebe es immer mehr junge Menschen, die bereit seien, eigene Zeichen der Gerechtigkeit zu setzen und für Geschlagene, Gedemütigte und Ausgegrenzte einzutreten. Zur Verdeutlichung nahmen die Jugendlichen erneut ihre Positionen ein, doch dieses Mal hatten die Szenen einen anderen Ausgang: Passanten treten am Bahnhof dazwischen, ehe es zur Schlägerei kommt, der gemobbte Junge wird getröstet und gegen die Mobber abgeschirmt, und auch die zur Ohrfeige erhobene Hand der Mutter wird aufgehalten, ehe sie ihr Ziel trifft. „Auch wenn wir wissen, dass es nicht immer so gut ausgeht, so können wir doch aufatmen.“