Kirchheim. „Zeit der Natur“ – unter diesem Titel firmiert die Ausstellung mit Objekten und Installationen von Hannelore Weitbrecht, die derzeit im ersten Obergeschoss der städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen ist. Die in Waldshut geborene Künstlerin, die seit Langem in Kirchheim lebt, ist Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler und im Künstlerbund Baden-Württemberg. Sie war Atelierstipendiatin des Landkreises Esslingen und im Kavalierhaus Langenargen. In den 1970er-Jahren widmete sie sich dem Studium der Bildenden Kunst am Pädagogischen Fachseminar Kirchheim, anschließend der Malerei an der Freien Kunstakademie Nürtingen. Seit Mitte der 90er-Jahre stehen Papierobjekte und Rauminstallationen im Zentrum ihrer Arbeit.
Im Rahmen ihrer Werkeinführung knüpfte Dr. Heiderose Langer – Geschäftsführerin der Rottweiler Kunststiftung Erich Hauser – an Adornos ästhetische Theorie an und brachte den zahlreichen Vernissagegästen die Ausstellung als einen „Ort der Erinnerung an das Naturschöne“ nahe. Inspiriert vom Formenreichtum der Natur gestalte Hannelore Weitbrecht Kunstobjekte, die an Natur denken lassen und verwandle in der Natur Vorgefundenes zu Objekten der ästhetischen Betrachtung.
Unter anderem kommen hierzu Fruchthülsen, Schoten, Blätter sowie selbst gezogene Fruchtstände und Samenteile zur Verwendung, die in Bezug zu tradierten Kulturtechniken – Säen, Züchten, Sammeln, Trocknen – gesetzt werden. Dies alles fußt auf der Beobachtung grundsätzlicher Phänomene und Gesetzmäßigkeiten, die sich dem Betrachter wiederum qualitativ mitteilen: Prozesse des Wachsens, Keimens oder Blühens, fließende oder rieselnde Bewegungen oder das Wiegen von Gräsern im Wind.
„Das chaotisch Lebendige der Natur wird in den Arbeiten von Hannelore Weitbrecht kompositorisch geordnet und motivisch gebündelt“, stellte die Laudatorin fest und verwies auf die in Wandkästen gefasste „Kleingärten“ oder die in quadratische Form gebetteten, von eng geschichtetem Papier umgebenen Pflanzenschoten.
Für die Künstlerin steht jedoch nicht allein die Ästhetik der Natur im Vordergrund. Heiderose Langer machte auf die „beunruhigende, nachdenklich stimmende Schicht“ aufmerksam, die unter den ausgewogenen, sorgfältig gestalteten Werkoberflächen verborgen sei und etwa in der wandfüllenden, raumgreifenden Installation „Invasion“ deutlich ans Licht trete.
„Natur als Material in der Kunst bringt Eigenleben mit, wodurch der Kreislauf der Natur in das Kunstwerk fließt“, führte Dr. Langer aus. Gegenüber unvergänglich und zeitlos scheinenden Werkstoffen wie Stein, Bronze oder Edelstahl verweisen Naturmaterialien auf den Fortgang der Zeit, auf die ewige Beständigkeit zyklischer Prozesse des Wachsens, Vergehens und erneuten Lebens.
„Hannelore Weitbrecht erzeugt in ihrer Kunst ein Bewusstsein und eine Sensibilität für die faszinierenden Gestaltungskräfte der Natur, für deren Gefährdung und letztlich für die Fragilität unserer eigenen Existenz“, machte die Rednerin abschließend deutlich.
Die Möglichkeit, diesen Qualitäten nachzuspüren, besteht bis einschließlich Sonntag, 25. November, im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus.
