Kirchheim. „Die AOK hat in der Vergangenheit viel in puncto Bewegung und Ernährung gemacht – jetzt wird es Zeit, dass wir uns mit der Psyche befassen.“ Mit diesen Worten eröffnete Thomas Schneider den interessanten Vortragsabend im kleinen Saal der Kirchheimer Stadthalle. Gleichzeitig umriss der stellvertretende Geschäftsführer der AOK Neckar-Fils damit einen aktuellen Trend: Immer mehr Menschen haben in ihrem alltäglichen Leben mit Erschöpfungszuständen und psychischen Problemen zu kämpfen.
Deshalb hat die AOK Baden-Württemberg gemeinsam mit einem Expertenteam aus Freiburger Medizinern und Psychologen ein Präventionsprogramm zur Stärkung psychischer Schutzfaktoren mit dem Titel Lebe Balance entwickelt. Der offizielle Startschuss für die gleichnamige Aktion, die allerorten von Seminaren begleitet wird, fiel jetzt in Kirchheim mit dem pfiffigen Vortrag einer Vertreterin aus der Expertenrunde, der Psychologin Lisa Lyssenko.
Sie konfrontierte ihre Zuhörer zunächst mit der Beschreibung einer Krankheitssituation: Kraftlosigkeit, Schlaflosigkeit, Abneigung gegen anhaltende geistige Tätigkeiten, Kopfschmerzattacken . . . „Aha“, dachte sofort jeder im Raum: Klassischer Fall von Burn-out. – Tatsächlich war die Diagnose aber 150 Jahre alt.
Ein amerikanischer Arzt hatte „Neurasthenie“ diagnostiziert, eine Art Erschöpfungszustand. Damalige Rahmenbedingungen muten modern an. „Durch die Industrialisierung hatte sich die Situation der Menschen erstmals in der Geschichte in kürzester Zeit grundlegend geändert“, verwies Lyssenko auf die Verdichtung der Arbeitsprozesse, die Steigerung der Informationsdichte, die Auflösung gewohnter Ordnungen.
Vieles lässt sich fast eins zu eins auf heute übertragen. „Immer weniger Leute machen immer mehr“, fasste die Psychologin die Tatsache zusammen, dass die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde seit 1991 um 34,8 Prozent gestiegen ist. Und das, obwohl das viel beschriebene Multitasking nach Meinung der Psychologin streng betrachtet gar nicht möglich ist. „Die Aufgaben des Einzelnen sind heute komplex, erworbene Kompetenz geht rasch verloren“, führte sie weiter aus. Wer ein paar Jahre fehlt, ist in vielen Berufen schon weg vom Fenster. Die Angst vor dem Verlust von Sicherheiten ist in Krisenzeiten ein weiterer Faktor, der den Einzelnen gehörig unter Druck setzt.
Dennoch warnte Lyssenko davor, alle Probleme im Beruf zu suchen: „Man kann nicht sagen, die Arbeit ist an allem schuld!“ Der moderne Mensch habe einen hohen Anspruch an das Leben, das viele Möglichkeiten biete. Das wiederum führe zu hohen Anforderungen an jeden Einzelnen. „Unsere Leistungsgesellschaft schafft Stress“, meinte die Referentin.
Ein wichtiger Aspekt bei der Burn-out-Gefährdung sind die Folgen der geografischen Mobilität. „Wir müssen
stets neue Wurzeln suchen, wenn wir umziehen“, machte die Fachfrau klar. Dauerhafte Beziehungen nehmen ab, das gilt natürlich ganz besonders für Partnerschaften. Das hat auch gewisse Vorteile, zum Beispiel muss kaum mehr jemand sein Leben lang in einer unglücklichen Partnerschaft verharren. Auf der anderen Seite sind aber Werteverlust und Orientierungslosigkeit die Folge. „Der Steinzeitmensch in uns ist empört“, versicherte Lisa Lyssenko.
Während im 19. Jahrhundert die Neurasthenie unter anderem mit einer abenteuerlichen Mischung aus Cola und Kokain bekämpft wurde, setzen die AOK und das Expertenteam auf umfassende Prävention. „Was kann jeder Einzelne für sich tun?“, lautet ein Grundgedanke von Lebe Balance. Als Ideal gilt heute nicht mehr der „Fels in der Brandung“, sondern eher der Bambus. Er wiegt sich im Sturm, richtet sich immer wieder auf und ist durch seine weit verzweigten Wurzeln fest im Boden verankert.