Stadtkapelle Kirchheim serviert beim „Concerto“ ein musikalisches Vier-Gänge-Menü für Feinschmecker
Zu Gast bei Sternekoch Bath

Kirchheim. Man nehme: Einen gut abgehangenen alten Meister der italienischen Oper, einen fast noch taufrischen Österreicher mit ein paar kräftigen Prisen feurige rumänische Folklore, gebe ein buntes Sträußchen Wildblüten aus England und Skandinavien dazu und verfeinere diese Mischung mit einer Messerspitze deutscher Dichterfürst und zwei Teilen französische Kompositionskunst. Dann lasse man alles bei hoher Hitze unter ständiger Aufmerksamkeit gar werden und verfeinere es ab und zu mit einem Spritzer charmante Moderation und mit genau einem Esslöffel gekonnte Rezitation. Was kommt dabei heraus? Ein Samstagabend für musikalische Gourmets beim „Concerto“ mit Harry D. Bath und der Stadtkapelle Kirchheim.

Mit einem „amuse gueule“, einem „Gaumenkitzler“, beginnt für Feinschmecker oft ein mehrgängiger Schlemmerabend. Bei der Stadtkapelle Kirchheim hieß das amuse gueule am Samstagabend „Werkseinführung“: Eine Stunde vor Konzertbeginn griff Dirigent Harry D. Bath zum Mikrofon und erläuterte den zahlreichen Zuhörern in der Stadthalle, was sie erwarten würde. Bei Konzertbeginn war die Schar der Besucher dann auf mehrere Hundert angewachsen.

Rossini zum Auftakt – die Versuchung liegt nahe, das Stück mit viel Grandezza und großem Pathos zu inszenieren, im großartigen Kontrast von donnerndem Fortissimo und hauchfeinem Pianissimo zu schwelgen. Die Stadtkapelle Kirchheim und ihr Dirigent erlagen dieser Versuchung nicht. Ihre „Wilhelm-Tell“-Ouvertüre kam bei aller Spielfreude und rasanter Fingerfertigkeit mit großer Disziplin und beachtlicher Taktfestigkeit daher, ließ in erster Linie die Musik und nicht die Musiker erstrahlen.

174 Jahre jünger als Gioachino Rossini ist der Österreicher Thomas Doss, dessen „Romanian Dances“ Musiker und Dirigent auf der Bühne maximale Präsenz abforderten und die Zuhörer im Saal staunen ließen. Wie um alles in der Welt schafft man es, bei solch diffizilen Harmonien und halsbrecherischen Taktwechseln während einer knappen halben Stunde Spieldauer nicht ein einziges Mal aus dem Stück zu fallen? Die Stadtkapelle Kirchheim meisterte dieses Kunststück mit Bravour.

Die sechs Sätze von Percy Aldridge Graingers „Lincolnshire Posy“ ließen den Stadtmusikanten nach der Pause keine Zeit, in ihrer Aufmerksamkeit nachzulassen. Das „Posy“, das Sträußchen englischer und skandinavischer Volkslieder, das Grainger im vorigen Jahrhundert gesammelt und in seiner Komposition vereinigt hatte, ließen die Stadtkapelle mit ungewöhnlichen Rhythmen und unerwarteten, sperrigen und krummen Taktwechseln ihr Können ausspielen – eine gelungene Generalprobe für das Kreiswertungskonzert am Sonntag in Notzingen, wo die Stadtkapelle Kirchheim mit den „Romanian Dances“ als Pflichtstück und dem „Lincolnshire Posy“ als selbst gewähltem Werk antritt.

Bleibt zu hoffen, dass den Musikern aus Kirchheim nicht ähnliches Unbill droht wie dem Komponisten Grainger bei der Uraufführung seines Werks 1937, wie Stephanie Rauschnabel in ihrer Moderation schmunzelnd preisgab: Die Musiker damals waren nämlich der komplexen Rhythmik des Stückes schlicht und einfach nicht gewachsen, der Abend endete in einem Reinfall. Wären dieselben Musiker am Samstagabend in Kirchheim gewesen, hätten sie Kollegen erlebt, die es besser machen – mit einem bei bemerkenswert gutem, geschlossenen Gesamtklang fast durchsichtigen Zusammenspiel der Register.

Zwei Besen links und rechts des Podests, zwei Eimer voller Wasser daneben, man ahnt es: Der „Zauberlehrling“ schickt sich an, seinem Meister nachzueifern, als dieser das Haus verlässt – mit den bekannten desaströsen Folgen. Für einen Moment trat die Musik in den Hintergrund, während Gerhard Landauer mit versierter Gestik und ausdrucksstarker Rhetorik die Goethesche Ballade lebendig werden ließ. Die musikalische Umsetzung der Ballade durch den Franzosen Paul Dukas geriet in der Interpretation der Stadtkapelle Kirchheim zum vergnüglichen und gekonnten Glanzstück des „Concerto“.

Nach so einem rundum gelungenen Abend sollte man nicht mit Trinkgeld geizen. Oder in diesem Fall mit Applaus. Und so zollte das begeisterte Publikum der Stadtkapelle minutenlangen Beifall, bis diese zwei Zugaben drauflegten. „Shenandoah“, ein lyrisch-expressives Volkslied aus den USA und ein nicht minder eindrucksvoll wie verhalten musiziertes irisches „Molly on the shore“ rundeten das Konzert ab. Vor allem bei letzterem mit seinen so wunderbar dahin gehauchten, verklingenden Schlussakkorden bewies die Stadtkapelle Kirchheim einmal mehr ihre Ausnahmeklasse im Bereich Symphonische Blasmusik.