Weilheim. Der Eine wollte gleich zu Beginn Bäume ausreißen, der Andere musste sich ob des Abschieds von der Jugend erst einmal an die „deutliche Umstellung“ in Amt und Würden gewöhnen. So beschreiben die beiden Kreistags-Kämpen Siegfried Roser und Hermann Bauer ihren Start in die Kommunalpolitik. Beide waren sie als junge Bürgermeister nach der Kreisreform 1973 für die Freien Unabhängigen Wähler (FUW) ins Kreisparlament gewählt worden und sollten sich dort zunächst im Sozialausschuss bewähren.
Die zwei Fraktionsfreunde hatten sich während ihrer Ausbildung beim Vorkurs in Nürtingen 1963 kennengelernt und waren 1972 auf die Chefsessel der Rathäuser in Weilheim und Owen im damaligen Kreis Nürtingen gewählt worden. Hermann Bauer war mit gerade mal 26 Jahren der jüngste Bürgermeister im Ländle. Sein Fraktionsfreund Roser zählte 28 Lenze.
„Als mein Vorgänger Georg Kandenwein nicht nur als Schultes, sondern auch als Kreisrat der Freien Unabhängigen Wähler (FUW) aufgehört hat, hat’s geheißen, ich soll an seiner Stelle kandidieren“, erinnert sich Hermann Bauer. Siegfried Roser erging’s nicht viel anders. „Roser, Du kandidierst bei den Freien Unabhängigen, hat Kandenwein gesagt“.
Freilich waren zu diesem Zeitpunkt die Felle für die Nürtinger bereits den Neckar hinabgeschwommen. Schlug zuvor Siegfried Rosers Herz als gebürtiger Esslinger im Kampf um die Unabhängigkeit zunächst für den Landkreis Esslingen, änderte sich dies schlagartig mit seiner Bürgermeisterwahl in Owen. Fortan focht er für den Erhalt des Kreises Nürtingen. Für den gebürtigen Neckartailfinger Hermann Bauer war dies ohnehin klar. „Wir waren überzeugt, dass der Kreis Nürtingen mit einem mustergültigen Berufsschulwesen, den Krankenhäusern und einer sehr guten Infrastruktur lebensfähig ist.“
Doch es sollte anders kommen. Die Esslinger verleibten sich nicht nur den Nachbarkreis ein, sondern kassierten auch noch den Kreissitz. Fortan prangte ES auf den Kennzeichen der Blechkarossen.
So also saßen Bauer und Roser im Esslinger Kreistag. „Von wegen Bäume ausreißen. Die alten Filderschultes haben uns schnell die Flügel gestutzt, und wir haben zunächst einmal nur zugehört“, erinnert sich Roser schmunzelnd. Es sollte aber nicht lange so bleiben. Die Kreisräte aus der Limburgstadt und dem Teckstädtchen pfupferte es schon lange, dass sie am Albtrauf die Lasten der Naherholung zu tragen hatten, aber keinerlei Unterstützung erhielten. Deshalb regte Hermann Bauer die Gründung des Naherholungsvereins Schwäbische Alb an, und der Landkreis förderte finanziell die Aktivitäten. Und Siegfried Roser freut sich heute darüber, dass „unsere Bemühungen von früher inzwischen Früchte tragen“, und verweist auf das Biosphärengebiet und das Streuobstparadies, das sich über die Kreisgrenzen hinaus entlang des Albtraufs erstreckt.
Bald spielten im neuen Kreisparlament die alten Kreisgrenzen keine Rolle mehr. Es gelang im großen Sitzungssaal des neuen Landratsamts am Esslinger Neckarufer relativ rasch, die Gräben wieder zuzuschütten und den Blick nach vorne zu richten, erinnert sich Roser. An Aufgaben mangelte es Verwaltung und Kreispolitik starke 20 Jahre nach Kriegsende wahrlich nicht. Es galt, die Menschen sozial abzusichern, das Berufsschulwesen auszubauen und Sonderschulen einzurichten, die Jugendarbeit zu fördern, ein wohnortnahes Krankenhauswesen zu schaffen, sich um den öffentlichen Personennahverkehr und die Kreisstraßen zu kümmern. „Und die Müllproblematik in den Griff zu bekommen.“ Dieser Einwurf Siegfried Rosers berührt ein Thema, das wie kein zweites den Kreistag in zwei Lager spaltete und so manchen Müllbürger auf die Palme brachte. Zugegeben, die 40 Müllkippen im neuen Kreis Esslingen in eine geordnete Abfallwirtschaft zu überführen, war keine einfache Aufgabe, für die nun der Landkreis verantwortlich zeichnete.
Noch zu gut sind den zwei Kreistags-Urgesteinen die Müllschlachten im Kreisparlament in Erinnerung. Müllverschwelung oder Müllverbrennung? lautete damals die Kernfrage. Und während die Esslinger, allen voran die Genossen im Kreistag, vehement gegen einen Müllmeiler in Sirnau kämpften, wuchsen die Müllberge und die Abfallgebühren. Der ganze Dreck wurde nach Frankreich gekarrt, bis der Nachbar die Grenzen für bundesdeutsche Mülllaster dicht machte.
Ruhe kehrte erst ein, als klar war, dass der Abfall aus dem Landkreis in Stuttgart verbrannt werden kann. „Was hat die SPD die Müllverbrennung zuvor immer als gesundheitsgefährdend verteufelt. Ab dem Vertrag mit Stuttgart haben wir darüber kein Sterbenswörtchen mehr gehört“, kann sich der Owener Alt-Bürgermeister den Begriff „Kirchturmspolitik“ nicht verkneifen. Auch Hermann Bauer verbucht das ganze Gezänk um die richtige Müllentsorgung auf den Negativseiten der Kreispolitik.
Heute ist die Abfallentsorgung ebenso wenig ein Thema wie die „unendliche Geschichte“ der S-Bahnerweiterung nach Kirchheim, die nach 30-jähriger Planung und einem Invest von 32,5 Millionen Euro 2009 doch noch ein glückliches Ende im Bahnhof der Teckstadt fand. Die Wernauer, Wendlinger und Teckstädter wären allerdings nie in den Genuss der roten S 1 gekommen, hätten sich am errechneten Kostenanteil nicht auch die Nachbarkommunen beteiligt. „Wir bringen 50 Prozent, wenn der Kreis auch 50 Prozent dazulegt“, lautete Hermann Bauers Antrag im Kreistag. Das Kreisparlament stimmte zu und stellte damit das Signal auf grün.
In 40 Jahren änderte sich bei den beiden Kreistagsrecken nicht nur die Haarfarbe von braun in grau. Auch die Themen änderten sich, zumal im Kreistag. Jetzt geht es verstärkt um Schuldenabbau, Neuaufstellung des Krankenhauswesens im Landkreis gemeinsam mit der Stadt Esslingen und Sicherung der sozialen Netze. Ebenso stehen die Zukunft der Berufs- und Sonderschulen, ein leistungsfähiger öffentlicher Personennahverkehr sowie die Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern im Fokus der Kreispolitik.
Die Freien Unabhängigen, die heute als Freie Wähler firmieren, starteten 1973 im Kreisparlament mit einer 17-köpfigen Fraktion hinter der CDU und der SPD. Heute überrundeten sie in der Wählergunst die Christ- und Sozialdemokraten und bilden mit drei Frauen und 27 Männern die stärkste Riege im Kreistagsrund. „Wir waren für Sachfragen offen und hatten gute und bekannte Bewerber“, versucht Siegfried Roser die erfolgreiche Aufholjagd zu erklären.
Wenn am 25. Mai bei den Kommunalwahlen auch der neue Kreistag gewählt wird, stehen jüngere Kandidaten auf der Liste der Freien Wähler im Wahlkreis Weilheim (wir berichteten). Die beiden Altbürgermeister Hermann Bauer und Siegfried Roser treten nicht mehr an. „Jetzt kommt die junge Generation dran“, sagt das Kreistags-Urgestein aus Owen, und sein Weilheimer Fraktionsfreund sagt: „Man muss loslassen können“.
Das gelingt umso leichter, da beide überzeugt sind, dass der Kreis Esslingen mit Landrat Heinz Eininger an der Spitze bestens aufgestellt ist. „Wir stehen im bundesdeutschen Ranking an neunter Stelle. Uns braucht’s vor der Zukunft nicht bang zu sein“, meint Hermann Bauer. Siegfried Roser blickt begeistert zurück: „Es war eine tolle Zeit. Wir haben uns gut für unseren Raum eingesetzt und es nicht bereut.“
