Notzingen. Feierlich ging es bei der öffentlichen Festsitzung des Notzinger Gemeinderates zu, gewürzt mit einem guten Schuss Humor und vielen freundschaftlichen Worten. Zahlreich waren die Menschen – darunter Vertreter aus Politik und Vereinen – in die Gemeindehalle gekommen, um den alten Bürgermeister ein letztes Mal öffentlich zu verabschieden und den neuen zu begrüßen.
Fast auf den Tag genau war Jochen Flogaus 24 Jahre Bürgermeister in Notzingen. Ehe er dieses Amt antrat, kannte er die Gemeinde bestens, schließlich war er davor bereits 16 Jahre Hauptamtsleiter und Kämmerer. „Schon im Vorfeld der Wahl war damals klar, wie der nächste Bürgermeister heißen wird“, erinnerte sich Herbert Hiller, Erster stellvertretende Bürgermeister, in seiner Begrüßung, denn schließlich war Jochen Flogaus im Ort „als Staatssekretär“ bekannt. Von Anfang an ging Jochen Flogaus engagiert zu Werke. Neben seinem Fleiß zeichnet ihn Ausdauer, Geduld, Weitblick und eine gute Portion Hartnäckigkeit aus. Keine einzige öffentliche Sitzung – es waren exakt 347 – fand ohne den Rathauschef statt. „Manche Nachsitzung war strapaziöser“, verriet Herbert Hiller, denn das nach dem offiziellen Teil der Sitzung im Rathauskeller stattfindende gesellige Beisammensein gehört zum Ritual.
Jochen Flogaus habe die Gemeinde einen Riesenschritt nach vorn gebracht sowie stets ein offenes Ohr für Bürger und Vereine gehabt. „Aufgrund seiner großen Leistungen hat der Gemeinderat einstimmig beschlossen, Jochen Flogaus das Ehrenbürgerrecht zu verleihen“, überraschte Herbert Hiller nicht nur die Zuhörer, sondern vor allem den Geehrten. „Unglaublich – alle haben dicht gehalten“, kommentierte Jochen Flogaus freudestrahlend das Geschehen.
Es blieb nicht die einzige Ehrung an diesem Abend: Landrat Heinz Eininger überreichte dem scheidenden Schultes die Große Goldene Landkreismedaille. „Er war kein pflegeleichter Bürgermeister, sondern einer mit Ecken und Kanten und er war ein hartnäckiger und streitbarer Politiker, der stets das Beste für die Gemeinde anstrebte“, beschrieb Heinz Eininger den Jungpensionär. Jochen Flogaus habe die großen Herausforderungen angenommen und könne nun ein wohlbestelltes Feld seinem Nachfolger hinterlassen. „Verlässlichkeit und Berechenbarkeit sind die Markenzeichen von Jochen Flogaus“, sagte der Landrat weiter. Außerdem habe er Prioritäten gesetzt, denn wenn der Kreistag tagte, nahm der Notzinger Schultes seine Aufgabe als Team-Manager der Bürgermeister-Elf wahr.
Roger Kehle war in einer Doppelfunktion da: als Präsident des Gemeindetages Baden-Württemberg und als langjähriger Nachbarkollege in Wernau. Vor allem aber sprach er als Freund und plauderte Manches aus dem Nähkästchen. So erfuhren die Zuhörer, dass es einmal ordentlich zwischen den Beiden gekracht hat – und zwar so, dass beide beim Unfallarzt ihre Platzwunden nähen lassen mussten. Weil auf beiden Seite enormer Blutverlust zu beklagen war, sei dieser schnell mit Trollinger ersetzt worden. Ursache für den Zusammenprall war nicht etwa ein politischer Streit, sondern voller Körpereinsatz beim Kicken.
Überhaupt der Fußball: In ganz Württemberg sei Jochen Flogaus eine Größe und für die Bürgermeister-Elf ein Aushängeschild. „Er hält den Laden zusammen und mancher Kollege hat schon ungläubig geschaut, als er von ihm die Gelbe oder Rote Karte gezeigt bekommen hat“, erzählte Roger Kehle. Auch seine Halbzeitansprachen hätten es in sich. „Meine Herren, das einzige, was sich bisher bewegt hat, war der Wind, lautete eine davon“, so der Städtetagspräsident.
Eine freundschaftliche Umarmung für Jochen Flogaus gab es von Dettingens Bürgermeister Rainer Haußmann, der auch für Verwaltungsgemeinschaft und den Sprengel Kirchheim sowie den Kreisverband des Gemeindetages sprach. Neben dem „Dettinger Rettungsschirm“ hatte er eine Ansprache in Gedichtform im Gepäck. Ein feiner Kollege, ein Schaffer sei Jochen Flogaus gewesen, stets fair, offen und geradeheraus. Auch Rainer Haußmann durfte seinen Kollegen auf dem Fußballplatz erleben, seine Aussprüche seien legendär, etwa, wenn er seine Spieler auffordere auch mal mit Hirn zu spielen und nicht nur mit den Füßen.
Respekt vor seiner Lebensleistung bekundete Vereinssprecher Georg Frank dem scheidenden Bürgermeister, auch im Namen der Freiwilligen Feuerwehr, der Kirchen und der Grundschule.
Nur ungern lassen die Rathausmitarbeiter ihren Chef in den Ruhestand ziehen, dessen Tür stets offenstand und der gut gelaunt seine Mannschaft führte. Claudia Marquardt und Sven Kebache sprachen von einem tollen Mannschaftskapitän, Trainer und Schiedsrichter in Personalunion.
Ob derart vieler lobender Worte zeigte sich Jochen Flogaus überrascht. Er zog Bilanz über seine fast zweieinhalb Jahrzehnte währende Amtszeit. „Wenn ich so zurückblicke, haben zwei Ereignisse an meinem Nervenkostüm gerüttelt“, bekannte er. Das war zum einen der Großbrand eines Aussiedlerhofes im Jahr 1991, zum anderen Sturm Lothar, der am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 an der erst im Frühjahr eingeweihten Sporthalle den Großteil des Daches abdeckte. Die Komplimente, die Jochen Flogaus erhalten hatte, gab er zurück und überreichte völlig unspektakulär den Generalschüssel samt angehängter LED-Leuchte Sven Hau- macher.
Wie ein roter Faden zogen sich die Geschenke durch die Veranstaltung. „Es war nicht schwer, ein passendes Präsent zu finden, denn Jochen Flogaus will sich an das weltweite Datennetz anschließen“, erklärte Herbert Hiller schmunzelnd. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Alt-Schultes bislang einen großen Bogen um die neuen Kommunikationsmittel gemacht hat – und dem nun offensiv entgegentreten will. Dank neuem Laptop, Drucker samt 2500 Blatt Papier und einem Digital-Fotoapparat ist er nun im Zugzwang.
„Die Wahl von Sven Haumacher war ein überzeugender Vertrauensbeweis“, sagte Heinz Eininger im Hinblick auf die 87,3 Prozent, die der neue Schultes dabei erzielte. Bei zwei Gegenkandidaten könne er gestärkt in sein neues Amt gehen. Der Landrat ermunterte ihn, eigene Spuren zu legen. Vereidigt wurde Sven Hau- macher von Herbert Hiller. Auf die Zusammenarbeit mit dem Neuen freut sich auch Erhard Reichle, Zweiter stellvertretender Bürgermeister und dienstältester Gemeinderat. „Einstimmig so beschlossen“, diese im Notzinger Ratsrund oft gefallene Feststellung wünscht er sich auch in Zukunft. „Das ist kein eigenartiges Verhaltes des Gremiums sondern Demokratie, weil bereits im Vorfeld sachlich und fachlich über den Vorgang diskutiert wurde“, so Erhard Reichle.
An Humor scheint es Sven Haumacher nicht zu fehlen. „Der Sohn meines Bruders heißt Hannes und daher passt es ganz gut, dass ich Bürgermeister geworden bin“, sagte er gleich zu Beginn seiner Rede. Mit kurzer Verzögerung dämmerte den Zuhörern die Anspielung auf „Hannes und der Bürgermeister“ und der 35-Jährige hatte die Lacher auf seiner Seite.
Der frischgebackene Schultes freut sich auf seine neue Aufgabe und die Zusammenarbeit mit den Menschen im Ort. „Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit“, zitierte er Kurt Schumacher. Erst müsse das Pflichtprogramm stimmen, bevor er sich Gedanken über eine Kür machen könne.
Vor Gegenwind ist dem einstigen Diskuswerfer nicht bange. „Da ist Gegenwind sogar vorteilhaft – denn dann segelt die Scheibe und fliegt weiter. Also alles eine Frage des Standpunktes und der Standfestigkeit“, erklärte er. Außerdem verspricht das CDU-Mitglied, dass Parteipolitik in seiner Amtsführung keine Rolle spielen wird. „Egal, ob die Katze schwarz ist oder weiß oder rot – Hauptsache, sie fängt Mäuse“, sagte Sven Haumacher.
