Kirchheim. Zum Bleiben schön ist der Blick aus der hellen Wohnung der Obermans in Filderstadt-Bonlanden. Zum Umzug wären die beiden nicht verpflichtet, doch sie wechseln trotzdem nach Kirchheim. Sie wollen vor Ort sein, wie gewohnt ein offenes Pfarrhaus leben, mit „Seelsorge und dem Konfirmanden-Elternabend bei uns im Wohnzimmer“. Wenn jemand in Not sei, solle er den Pfarrer „im Moment wo’s knallt“ sprechen können, nicht zwei Tage später. Dass die Obermans erst ab August in der Liststraße wohnen, liegt an der Renovierung des Pfarrhauses.
Umzüge haben die Obermans, Jahrgang 1956 und 1957, viele hinter sich. Geboren wurde Gerrit-Willem Oberman in Oxford, doch seine Eltern waren Niederländer. Als Kind lebte er in den USA, den Niederlanden und Deutschland, sein Abitur machte er in Tübingen. Er studierte in Stanford (USA) und Tübingen Betriebs- und Volkswirtschaft, dazu Hebräisch und Programmiersprachen. Von 1978 bis 1984 arbeitete er als Programmierer.
Seine Frau Ellen lernte er im ALGOL60-Kurs kennen: „Wir sind eine Computerehe.“ Der Vater war Theologieprofessor in Tübingen, doch der Sohn trat mit 14 Jahren im Streit mit den Eltern aus der Kirche aus. Er wurde zuerst Atheist und dann Buddhist, bis ihn verschlungene Wege und beeindruckende Christen wieder zu Gott und Kirche zurück führten. Sein Theologiestudium in Tübingen und Bonn, anfangs in Teilzeit, finanzierte er selbst – Programmierer wurden damals sehr gut bezahlt. Die Hochzeit war 1983.
Ellen Winkler-Oberman ist Volljuristin, EDV-Fachfrau, stammt aus Konstanz und aus einer christlich geprägten Familie: Ihre Eltern gehörten während der Nazidiktatur zur Bekennenden Kirche. Seit 2010 arbeitet Ellen Winkler-Oberman als selbstständige Berufsbetreuerin. Vorsitzende eines Kirchengemeinderates werden, was sie vor ihrer Heirat immer wollte, konnte sie als Frau eines Pfarrers nicht mehr. 1995 wurde sie stattdessen Landessynodale der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Sie beschreibt sich als „lutherische Pfarrfrau“, die sich gerne dort einbringt, wo sie gebraucht wird, ob im Kirchenchor, im Frauenkreis oder beim Weltgebetstag. „Das ist mein Ehrenamt.“ Sie als Organisatorin und Praktikerin, ihr Mann als Visionär, der andere inspirieren kann, so erlebt sich das kinderlose Paar als gute Ergänzung.
Auf das Vikariat im sozialen Brennpunkt Stuttgart-Neugereut folgten Pfarrstationen in Winterbach und Filderstadt-Bernhausen. Von 2002 bis 2007 war Oberman Theologischer Geschäftsführer der Württembergischen Bibelgesellschaft, dann vier Jahre Pfarrer bei den Kirchlichen Diensten an der Stuttgarter Messe. Nebenher war er Notfallseelsorger und Gründungsmitglied der Christlich-Islamischen Gesellschaft. Von 2005 bis 2009 saß Oberman für die FDP im Kreistag, seine Frau war von 1998 bis 2008 FDP-Stadträtin in Filderstadt. Seither ist die Distanz zur Partei deutlich gewachsen, in Kirchheim werden sich beide nicht parteipolitisch engagieren.
Nach Bibelgesellschaft und Messe wollte Oberman wieder in eine Ortsgemeinde zurück. Der Bewerbung auf die Kirchheimer 75-Prozent-Stelle ging ein Spaziergang durch die Stadt voraus. Beiden gefielen die Atmosphäre und die historische Substanz. „Mein erster Besuch wird im Heimatmuseum sein“, sagt Oberman. „Als Pfarrer leite ich nicht die Gemeinde, sondern ermögliche sie“, betont er. Er will seine Mitarbeiter als Team, nicht als Handlanger. Ein Kirchengemeinderat stimmt so ab, wie es der Pfarrer will? Nicht bei Oberman. „Er darf auch Sachen beschließen, die mir nicht gefallen.“
Oberman freut sich auf die Zusammenarbeit mit den anderen Kirchengemeinden, den katholischen Pastoralreferenten Reinhold Jochim kennt er noch aus seiner Vikarszeit. Für einen großen Fehler hält er die Selbstbeschränkung der Kirche auf einen „gehobenen intellektuellen Mittelstand“. Er wünscht sich eine Kirche, in der alle Generationen vorkommen, auch Jugendliche und junge Familien. Daher will er die Konfirmandenarbeit verstärken. Die Jugendarbeit lag ihm schon immer am Herzen, gut zehn Jahre lang war er Bezirksjugendpfarrer. Wiederholt half er beim Aufbau neuer Gottesdienstformen. Er predigt als Gast bei einer niederländischen und bei einer amerikanischen Gemeinde.
Ellen Winkler-Oberman nennt als ihre Hobbys Kunst, Kochen und das Zeichnen von Cartoons. Die Liste ihres Mannes vereint so scheinbar widersprüchliche Dinge wie Gregorianik und klassische Rockmusik, Science Fiction und historische Kriminalromane, PCs optimieren sowie Waldarbeit und Holzhacken. Da wird der Gesprächsstoff beim Kirchenkaffee kaum ausgehen. Und Oberman sucht das Gespräch. Er will sich nach den Gottesdiensten so hinstellen, dass jeder bei ihm vorbeikommt.
