Fussball
Zwischen Entspannung und Vorsicht

Umwelt Das geplante EU-Mikroplastik-Verbot bedroht die Kunstrasenplätze Tausender Amateurvereine. Die Debatte um das Gummigranulat treibt momentan auch die betroffenen Sportklubs in der Region um. Von Reimund Elbe

Der Donnerhall verebbt zwar langsam, doch leichte Unsicherheit bleibt. Wenige Wochen nachdem die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) verkündete, „Informationen zur Verwendung von Einstreumaterial bei Kunstrasenplätzen“ zu sammeln, und dadurch eine Diskussion über die Zukunft des Granulateinsatzes lostrat, schreitet das Sondieren der Lage in den Verein voran - auch in der Teckregion.

Wohlwollend nehmen die Klubvertreter dabei zur Kenntnis, dass das Thema offenbar nicht so heiß gegessen werden soll, wie es gekocht wurde. Entgegen anders lautender Bedenken plant die Europäische Union nämlich - vorerst - kein Verbot der Plätze. „Ein solcher Vorschlag wird von der Kommission nicht vorbereitet“, macht EU-Sprecherin Natasha Bertaud erneut deutlich. Die ECHA suche laut Bertaud dennoch „nach potenziellen Alternativen für Granulat“.

Der VfL Kirchheim, Nutzer von zwei Kunstrasenplätzen, bekommt das Problem somit gleich doppelt serviert. „Man muss allerdings auch nicht gleich über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird“, formuliert die Vereinsvorsitzende Doris Imrich salopp. Die Plätze seien in einem Fall fast nagelneu, im anderen in einem grundsanierten Status. Als vor wenigen Tagen Robert Hoffner vom Württembergischen Landessportbund an der Jesinger Allee vorbeischaute, betrachtete der Sportstättenexperte die beiden Plätze an der Jesinger Allee - und stellte nichts Besorgniserregendes fest.

Problem nicht zu unterschätzen

Reiner Braun, Klubchef des TSV Weilheim, reiht sich ebenso in die Gruppe der Entspannten ein. Der vom Verein seit 2011 genutzte Kunstrasenplatz im Lindachstadion-Bereich sei einer „der neueren Generation“. Grundsätzlich setze er darauf, dass es im Falle des Falles Übergangsfristen gebe. „Die Beläge werden künftig sicherlich noch umweltfreundlicher“, hofft Braun. Paul Schrievers, zugleich Fußballer und Funktionär beim TSV Weilheim, zeigt derweil Verständnis dafür, dass die Europäische Union das Thema Granulat in den Fokus rückt. „Wir dürfen nicht vergessen, dass auf den Plätzen auch viele Kinder und Jugendliche Sport treiben. Zudem wissen wir, dass Mikroplastik ein nicht zu unterschätzendes Problem für die Umwelt ist“, äußert sich der Fußball-Abteilungsleiter nachdenklich. Er plädiert auch für praxisnahe Übergangsfristen, falls bisher eingesetzte Granulattypen verboten würden.

Bei den Sportfreunden Dettingen, dort wird seit 2010 auf Kunstrasen gekickt, gibt sich der Vereinsvorsitzende Rainer Braun vorsichtig. „Wir müssen das Thema nochmals erörtern, nach jetzigem Kenntnisstand haben wir Granulat der neueren Generation im Einsatz“, betont der SFD-Boss. Der Dettinger Kunstrasenplatz sei tagsüber für alle zugänglich, auch viele Kinder nutzen den Platz zum Bolzen.

Beim TSV Notzingen rückte das Thema gerade zum richtigen Zeitpunkt an. Der geplante Umbau des Kunstrasenplatzes steht vor der Tür, nachdem das Füllmaterial auf dem bisherigen klumpte und verklebte (siehe Foto rechts). „Wir setzen nun auf ein unbefülltes System“, erläutert Fußball-Abteilungsleiter Michael Panknin. Granulat werde hierbei nicht mehr benötigt, zur Pflege müsse der Platz einfach nur regelmäßig abgesaugt werden. Die Idee lieferte eine Firma aus der Schweiz.

Außerhalb der Teckregion setzt derweil Kohlberg auf Kork. „Zum Glück ist das Thema so früh aufgetaucht. So konnten wir noch reagieren“, kommentiert Bürgermeister Rainer Taigel das jüngste Geschehen. Seit dem 7. August rollt unterm Jusi der Bagger, um einen tragfähigen Untergrund herzustellen. Aufgrund der aktuellen Diskussionen setzen die Kohlberger auf eine Variante mit einer leichten Sandverfüllung oder Kork als Füllmaterial.

Beim TSV Ötlingen erbrachte unterdessen der vor acht Jahren eingeweihte Kunstrasenplatz eine erstaunliche Erkenntnis. „Wir benötigen viel weniger Granulat als gedacht“, schildert Klubvorsitzender Helmut Blasi. Im Vorratsraum lagere noch fast die komplette Palette aus dem Jahr 2011. „Wir haben auf dem Platz kaum Schwund, womöglich liegt das an der windgeschützten Lage und dem guten Untergrund“, mutmaßt der Ötlinger.

Am entspanntesten kann der SV Nabern die derzeitige Diskussion verfolgen. „Wir hatten vor einigen Jahren auch überlegt, einen Kunstrasen zu bauen, doch Experten rieten uns wegen der Bodenbeschaffenheit und der Waldnähe davon ab“, erinnert sich Fußball-Abteilungsleiter Dominic Adler. Statt Kunst- gab es 2017 einen Naturrasen. „Wir haben diese Entscheidung nicht bereut“, sagt Adler.

Verbände stützen Vereine

Der Deutsche Fußball-Bund stellt sich in der Granulat-Diskussion hinter die Vereine. „Der DFB und seine Landesverbände fordern einen Bestandsschutz der in Betrieb befindlichen Kunstrasenplätze“, so Erwin Bugar, zuständiger DFB-Vizepräsident für Sportstätten und Umweltfragen. Der Verband wolle sich „für eine sechsjährige Übergangsfrist einsetzen, um den Sportbetrieb nicht zu gefährden“. In eine ähnliche Richtung gehen die Forderungen des Württembergischen Fußballverbandes. „Dass Umweltbelastungen durch Sportstätten auf ein Mindestmaß reduziert werden müssen, ist auch ein Anliegen der Fußballverbände. Die Belastung durch Mikroplastik wird im Zusammenhang mit dem Sport jedoch völlig überproportional dargestellt“, findet WFV-Präsident Matthias Schöck.