Nach dem Amok-Alarm herrscht am Ludwig-Uhland-Gymnasium in Kirchheim eine Mischung aus Alltag und Ausnahmezustand. Am Dienstagmorgen hatte ein Unbekannter während der ersten Unterrichtsstunde einen Amok-Alarmknopf im Gebäude gedrückt und damit einen Großeinsatz von Polizei und Rettungskräften ausgelöst. Über 900 Schülerinnen und Schüler verschanzten sich daraufhin mit ihren Lehrkräften in den Klassenzimmern und der Turnhalle, während bewaffnete Beamte das Gebäude durchkämmten. Später wurden die Kinder klassenweise evakuiert und in die Sporthalle Stadtmitte gebracht. Gegen 11 Uhr gab die Polizei das Gebäude wieder frei. Fehlalarm.
Wir machen heute ‘Schule light’.
Martin Roll, LUG-Rektor, über den langsamen Start in den Schulalltag nach dem Amok-Alarm
Das Allerschlimmste ist den Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften erspart geblieben. Was bleibt, ist die Tatsache, dass ein bisher Unbekannter den Amok-Knopf gedrückt und damit hunderte von Kindern und Erwachsene in Todesangst versetzt sowie enorme Kosten für den Einsatz verursacht hat. Das Polizeirevier Kirchheim hat Ermittlungen wegen Missbrauchs von Notrufeinrichtungen aufgenommen. Jugendsachbearbeiter sind im Einsatz. Dem Täter oder der Täterin droht eine strafrechtliche Anzeige. Dazu kommt die Rechnung für den Einsatz. Die Höhe ist aktuell noch unbekannt. „Wir prüfen gerade, wie viele Beamte tatsächlich im Einsatz waren. Je nach Dienstgrad gibt es da unterschiedliche Sätze“, sagt Michael Schaal, Sprecher des Polizeipräsidiums Reutlingen. Mehrere tausend Euro seien es aber auf jeden Fall – und das nur für den Polizeieinsatz. Auch die Rettungsdienste waren vor Ort.
Einsatz in Göppingen
Einen Zusammenhang zwischen dem Amok-Alarm am Ludwig-Uhland-Gymnasium und dem ebenfalls anlasslosen Feuer-Alarm am Schlossgymnasium, der nur wenig später ausgelöst wurde, schließt Michael Schaal nicht aus. Hinweise gibt es jedoch noch nicht. „Das können ja Nachahmer gewesen sein“, sagt er. Die Polizei ermittelt auch in diese Richtung. Wie erst am Mittwochmorgen bekannt wurde, gab es einen weiteren Fall an einer Schule in Göppingen. Dort hatte ein Unbekannter eine Drohung via E-Mail ausgesprochen. Die Drohung hatte ebenfalls einen Polizeieinsatz zur Folge.
Am Ludwig-Uhland-Gymnasium war am Mittwoch „Schule light“ angesagt, wie Martin Roll es formuliert. „Das heißt, es gibt Unterricht nach Stundenplan, wir schreiben aber keine Tests oder Klassenarbeiten“, so der Rektor der Schule. Wichtig sei, dass es Raum für Gespräche gebe. „Die Schulsozialarbeit hat ihre Tür geöffnet. Die Schulseelsorge hat im Aufenthaltsraum eine Teeküche eingerichtet, sodass die Schüler miteinander sprechen können“, sagte Roll. Acht Notfallseelsorger der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) seien mit zwei Hunden auf dem Schulgelände unterwegs und stünden für Gespräche zur Verfügung – auch den Lehrkräften. Die Eltern haben einen Handlungsleitfaden erhalten, um besser einschätzen zu kennen, wie es ihrem Kind nach dem Ereignis geht. „Da geht es um die Frage: Was ist noch normal, und was ist schon Trauma?“
Gesprächsangebote für Schüler
Die Stimmung am Tag danach beschreibt der Schulleiter als „sehr angenehm und ruhig“. Natürlich wolle man solch eine Situation nie wieder erleben. Wenn er dem Ereignis irgendetwas Positives abgewinnen könne, dann das: „Ich habe das Gefühl, dass das Ereignis uns als Schulgemeinschaft noch stärker hat zusammenrücken lassen.“ Er lobte das Engagement der Kolleginnen und Kollegen, die sich in der Mittagspause noch einmal zu einer Feedback-Runde treffen konnten. Viele seien am Mittwoch früher gekommen, blieben länger, um für ihre Schülerinnen und Schüler da zu sein. Am Donnerstag ist am Ludwig-Uhland-Gymnasium pädagogischer Tag und somit keine Schule.
Wie geht das LUG damit um, dass es möglicherweise ein Schüler oder eine Schülerin war, der oder die den Alarmknopf gedrückt hat? „Man kann es nicht ausschließen“, sagt Martin Roll und schickt hinterher: „Wir haben offene Türen, wenn jemand sprechen möchte.“ Die Kolleginnen und Kollegen gingen mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch. „Wenn wir Hinweise bekommen auf den Verursacher, geben wir das natürlich weiter“, sagt Roll. In der Schule werde man dann eine Lösung finden, so der Rektor und betont: „Wir sind ja Pädagogen und keine Richter.“

