Am 30. August 1927 kam Ruth Vollweiler in Kirchheim auf die Welt. Hier verlebte sie mit ihren großen Brüdern und ihren Eltern wohl zunächst eine glückliche Kindheit. „Eigentlich müsste hier auch ihr Grab sein“, meint ihr Stiefsohn Roberto Frankenthal. Er hat kürzlich die Verlegung von sechs Stolpersteinen für Familie Vollweiler am Ziegelwasen durchgesetzt. Denn für ihn ist klar: Eigentlich hätte die kleine Ruth in Kirchheim ihr Leben verbringen und alt werden können.
Ihr Apfelkuchen war bei meinen Freunden legendär.
Roberto Frankenthal schwärmt von den deutschen Rezepten seiner Stiefmutter.
Doch die Gräuel der Nazi-Diktatur ließen die schwäbische Provinz nicht aus. Auch jüdische Familien und Persönlichkeiten, die vermeintlich gut integriert waren, litten frühzeitig unter Ausgrenzung. So zum Beispiel Ruths großer Bruder Kurt. Er hatte sich als Torwart beim VfB Kirchheim einen Namen gemacht. Doch schon kurz nach der Machtergreifung im Januar 1933 wurde der damals 20-Jährige Schritt für Schritt degradiert. Gleichzeitig nahmen die Schikanen gegen seine Familie zu. Bei der Reichspogromnacht im November 1938 wurde Kurt nicht nur geprügelt und bedroht, sondern auch ins KZ Welzheim verschleppt. Von dort entließ man ihn nach einigen Wochen, vielleicht aufgrund seiner profunden Kenntnisse als Buchhalter.
Seine kleine Schwester Ruth musste zur gleichen Zeit ihre Schule in Kirchheim verlassen. Bis 1940 besuchte sie noch die jüdische Schule in Göppingen. An die Ängste, die ihre Eltern allein angesichts der täglichen Busfahrt ihrer 12-jährigen Tochter in die Nachbarstadt ausgestanden haben dürften, erinnerten Schülerinnen des Schlossgymnasiums bei der Verlegung der Stolpersteine in bewegenden Worten.
Die Familie erkannte früher als andere die wachsende Gefahr. Schon im Jahr 1938 ging Ruths Bruder Fritz Vollweiler nach Argentinien – mutterseelenallein als 20-Jähriger mit gerade mal zehn Mark in der Tasche, ohne einen Ansprechpartner dort, ohne ein Wort Spanisch und mit der Ungewissheit, seine Familie vielleicht nie wiederzusehen. Auch ihn retteten möglicherweise seine kaufmännische Ausbildung und sein Geschick: Schnell fand er Arbeit in Buenos Aires und konnte die Kaution für seine Eltern und Ruth stellen. 1940 wanderte die Familie aus. Sie ließen nicht nur ihren Besitz in Kirchheim zurück, sondern gewissermaßen auch ihre Biografie und ihr bisheriges Leben. Ruth zum Beispiel musste sich für immer von ihren Freundinnen und Nachbarn verabschieden.

Die Auswanderung markierte auch das Ende des gemeinsamen Familienlebens: Kurt Vollweiler suchte sein Glück in den USA, ebenso der älteste Bruder Walter Vollweiler. Er konnte das Land buchstäblich in letzter Sekunde, direkt vor dem endgültigen Ausreiseverbot 1941, verlassen. Zwischen den Familienzweigen in den USA und in Argentinien bestehen heute keine Kontakte. Allerdings hatten die Kirchheimer Geschwister einander ausfindig gemacht: Kurt, der in den USA im Papiergroßhandel sein Glück gemacht hatte, und Ruth besuchten sich an ihren jeweiligen Wohnorten.
Die kleine Ruth hatte zunächst ihre Schullaufbahn in einer deutschsprachigen Schule für jüdische Emigrantenkinder beendet – ein Beleg für Roberto Frankenthal, wie deutsch sich die Vollweilers zeitlebens fühlten und wie sehr sie die Kultur auch weiter pflegten. Der Stiefsohn erinnert sich gern und gut an ihre Spätzle und den deutschen Apfelkuchen. Kein Thema war zu Hause die Nazi-Diktatur, die jüngere Vergangenheit wurde eisern verdrängt.
Nach der Schule machte Ruth eine Ausbildung in der Modebranche. 1948 heiratete sie Arthur Zeller, der 1970 starb. Einige Jahre später heiratete Ruth erneut: Der Witwer Gerd Frankenthal brachte drei halbwüchsige Kinder mit in die Ehe. Um sie zu erziehen, gab Ruth Zeller-Frankenthal ihre Arbeit auf. „Das war nicht etwa die Pflege eines Rosengartens“, zollt ihr Roberto Frankenthal großen Respekt. Besonders zum jüngsten Sohn Pedro hatte Ruth ein enges Verhältnis und ersetzte ihm auch den Vater nach dessen Tod im Jahr 1982. Etwas später, 1986, reiste Ruth auf Einladung von Brigitte Kneher nach Kirchheim, begleitet von ihren Stiefsöhnen. Es war das einzige Mal, dass Ruth ihre Geburtsstadt besuchte. „Sie hatte ihr Leben in Argentinien“, erklärt der Sohn, dort waren Freundinnen und Bekannte. In Buenos Aires starb Ruth Frankenthal, geborene Vollweiler, schließlich am 5. September 2001. Ihr Grab findet sich in Buenos Aires auf dem größten jüdischen Friedhof Lateinamerikas, La Tablada.

Roberto Frankenthal erinnert sich anlässlich des Geburtstags intensiv an die Familiengeschichte. Der neue Ort des Gedenkens ist für ihn logisch und wichtig: „Die Gräber sind dort, wo sie überleben konnten, wo sie aufgenommen wurden. Die Stolpersteine sind aber umso wichtiger, da sie den Platz auf der Welt zeigen, wo sie eigentlich hätten leben sollen.“
Ruths Familie und die Demokratie
Roberto Frankenthal ist der Stiefsohn von Ruth Vollweiler, und auch seine leiblichen Eltern waren deutschstämmige Juden, die knapp der Vernichtung entgangen sind durch Flucht. Er wuchs in Buenos Aires auf, lebte ab den 80erJahren über drei Jahrzehnte in Deutschland, vor allem in Göppingen und Bad Cannstatt, und hat sich jetzt in Spanien niedergelassen. „Ich bin die multikulturelle Gesellschaft in einer Person“, witzelt er.
Stolpersteine für Familienmitglieder hat er an vier Stellen in Deutschland initiiert: in Kassel, im Sauerland, in der Pfalz und in Kirchheim. „Das ist das Mindeste, was ich tun kann“, empfindet er die Erinnerung an die jüdischen Schicksale und speziell seiner Stiefmutter als wichtige Würdigung, die durchzusetzen er als seine Aufgabe sieht. Sein Bruder lebt als Anwalt in Buenos Aires, seine Schwester in Israel.
Ihren Abschluss hat die Familiengeschichte nun für Frankenthal gefunden. Nicht aber die Erinnerung an die dunkelste Zeit der Geschichte. Diese will er unbedingt lebendig halten: „Es ist eigentlich schon fünf nach zwölf“, meint er mit Blick auf das Erstarken rechter Kräfte in Deutschland und betont: „Ich hoffe, die Stolpersteine leisten einen Beitrag dazu, dass sich die zweite deutsche Demokratie endgültig etablieren kann.“ ist

