Kultur
Aus Angst entsteht schöpferische Kraft

Rainer Maria Rilke gilt als „Dichter der Angst“ – doch seine Verse verwandeln Angst in schöpferische Kraft. Eine literarisch-musikalische Soirée in der Stadtbücherei machte das eindrucksvoll erlebbar.

Ein voller Saal, gespannte Aufmerksamkeit: Im Rahmen der Sommerreihe „Text und Töne“ der Kirchheimer Stadtbücherei widmete sich das Ensemble Divertimento dem Dichter Rainer Maria Rilke. Unter dem Motto „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ wurde Rilke anlässlich seines 150. Geburtstages nicht nur als historische Gestalt, sondern als Zeitgenosse erfahrbar.

In ihren Rezitationen spannte Waltraud Falardeau einen poetischen Bogen durchs bewegte Dichterleben. Schon der schwierige Bezug zur Mutter – im Gedicht „Meine Mutter reißt mich ein“ erschütternd vor Augen gestellt – zeigt die Zerbrechlichkeit eines Ichs, das sich zeitlebens bewähren musste. Auch die Jugendjahre in der Militärschule, von Rilke als „erzieherische Vergewaltigung“ beschrieben, hinterließen tiefe Spuren. Spätere Reflexionen – etwa in der Erzählung „Die Turnstunde“ – zeugen von Angst, Scham und Ausgrenzung.

Muse, Geliebte, Mutter

Eine entscheidende Begegnung war die mit Lou Andreas-Salomé, fünfzehn Jahre älter, die Rilke mütterliche Geliebte und lebenslange Vertraute war. Laut Falardeau vollzog sie die „Entkitschung“ des schwärmerischen Jungdichters und führte ihn zu einem neuen Verständnis schöpferischer Sprache: weg vom subjektiven Überschwang und hin zu einem sachlichen Sagen, das dem Inneren der Dinge Ausdruck verleiht. Ebenso wurde die Arbeitsweise des Bildhauers Auguste Rodin dem Lyriker zum Vorbild einer neuen ästhetische Haltung. Der Abend brachte auch Rilkes späteres Werk zur Sprache. Etwa die „Duineser Elegien“, deren Beginn dem Dichter angeblich von einer Stimme im Sturm zugerufen wurde: „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ Würdigung erfuhren zudem die „Sonette an Orpheus“ – Literatur, die Leben und Tod in wechselseitige Durchdringung stellt und poetische Inspiration als überpersönliches, mystisches Geschehen ausweist. Musikalisch untermalt wurde die Soirée durch Sabine Burkhardt an der Querflöte und Andreas Baumann am Klavier. Werke von Vivaldi und Elgar sowie von den Komponistinnen Germaine Tailleferre und Greta Gebhardt erwiesen sich als ideale Resonanzräume für Rilkes Sprachkunst.

Was Rilke uns lehren kann

Zuletzt stand die Erinnerung an Rilkes Tod im Jahr 1926. Der 51-jährige war unheilbar an Leukämie erkrankt. Seine Grabinschrift hat er selbst verfasst: „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern“. Sie ist ebenso offen wie sein Werk, das nie ins Endgültige drängt, sondern im Fragen stets lebendig bleibt. Oft wird Rilke als „Dichter der Angst“ bezeichnet – doch gerade darin liegt seine Aktualität: Aus lähmender Angst entsteht schöpferische Kraft. Die Erfahrung des Erschüttert-Werdens wird zur Quelle tieferen Verstehens – und gerade darin könnte Rilke uns im 21. Jahrhundert begleiten: fragend, tastend, erhellend.