Der Kirchheimer Schlossplatz als Bühne für eine große literarische Illusion: Auf Einladung des Kirchheimer Kulturrings spielte das Chawwerusch-Theater seinen „Don Quijote“ – und zeigte nicht nur eine Komödie über gescheiterte Heldenfantasien, sondern ein klug gebautes Spiel über die Macht (und Ohnmacht) der Vorstellungskraft.
Schon Cervantes’ Roman treibt ein raffiniertes Spiel mit Schein und Wirklichkeit: Don Quijote will die Welt verändern, indem er sie neu erzählt. Windmühlen werden zu Riesen, Herbergen zu Burgen, ein Barbierbecken zum sagenhaften Helm des Mambrin. Aber sein Scheitern liegt im Stoff selbst angelegt – eine Krise der Repräsentation, in der der Schein trügt und den Zeichen nicht mehr zu trauen ist. Eben diese Gratwanderung nutzt Regisseurin Susanne Schmelcher für eine Inszenierung voll feinem Witz und selbstironischer Spiellust. Selbst der Slapstick hat darin seinen Platz – und macht dramaturgisch Sinn. Denn das Chawwerusch-Ensemble zeigt nicht nur Don Quijotes Abenteuer, sondern reflektiert das Theatermachen als solches: Es wird sichtbar, dass die Bühnenmittel knapp sind, dass ein echtes Pferd fehlt und der Esel nur imaginär mitwiehern darf. Die Kostüme sind abgewetzt, die Requisiten aus Papier. Und doch entfaltet sich eine erstaunliche Poesie – weil das Publikum bereit ist, sich darauf einzulassen. So wird das Spiel über das Scheitern zu einer Einladung, die Welt einmal anders zu sehen.
Ben Hergl gibt einen Don Quijote, der mit hagerer Statur und großen Augen den ritterlichen Wahn glaubhaft verkörpert – in der Überzeugung, dass der Idealismus gegen jede Wahrscheinlichkeit siegen muss. Setzt er sich das Barbierbecken auf den Kopf, verwandelt er das profane Utensil mit einer einzigen Geste zum mythischen Artefakt.
Stephan Wriecz als Sancho Pansa liefert das irdische Gegengewicht mit herrlich lakonischem Humor. Er kaut lieber an seiner Chorizo als sich in Heldenträume zu flüchten – und muss doch eingestehen, dass auch er sich vom Spiel verlocken lässt.
Die weiteren Ensemblemitglieder – Miriam Grimm, Felix S. Felix, Danilo Fioriti und Ann-Kathrin Kuppel – beeindrucken durch schnellen Rollenwechsel, Spiellust und Energie. Mal sind sie Schafherden, mal Räuber, mal Herzöge, mal Kommentatoren des Geschehens.
Wo endet die Illusion? – diese Frage stellt die Inszenierung in immer neuen Anläufen. „Kann ich mir einfach einen Hut aufsetzen und behaupten, ein anderer zu sein?“, fragt Sancho Pansa. Und das Theater antwortet: Ja, genau so funktioniert es. Zugleich entlarvt Sancho das bunte Treiben als bloßes Spiel– „nur Requisiten aus Papier“ – und verweist auf die Brüchigkeit unserer Geschichten über die Welt.
Gerade heute hat diese Frage eine fast unheimliche Aktualität: Wer erzählt was – und warum? Wer entscheidet, was wirklich ist? Doch die Aufführung verzichtet darauf, das Publikum moralisch zu belehren. Stattdessen wird das Scheitern selbst als kreative Chance gefeiert. Don Quijotes Unbeirrtheit, so weltfremd sie auch ist, kann Motivation sein, anders zu denken und sich nicht mit dem Status quo zufriedenzugeben. Damit gelingt Schmelchers Regie ein kluges, heiter-tiefsinniges Spiel, das nicht nur Don Quijote würdigt, sondern auch die 40-jährige Tradition des Chawwerusch-Theaters als fahrende Truppe liebevoll spiegelt: Mit einfachsten Mitteln große Geschichten zu erzählen.
Nach gut zweieinhalb Stunden verabschiedete sich das Ensemble in Kirchheim unter begeistertem Applaus. Es war ein Theaterabend, der zeigte, was Kunst kann: Sie deckt auf, dass alles nur Schein ist – und dass gerade darin ihre Wahrheit liegt.

