Lesung
Das Paradies liegt näher, als man denkt

Der Stuttgarter Schriftsteller Gilbert Fels las im Kirchheimer Max-Eyth-Haus aus seiner Lyrikerzählung „Der Gebrauch von Gärten“.

Zu Beginn stehen keine Blüten und kein Vogelgesang, sondern Bilder der Verwüstung: zerstörte Quartiere, Rauch, Schutt und Leichen auf offener Straße. Während Diktatoren und Gotteskrieger morden, wird das Grauen in einer medialen Bilderflut reproduziert. „Eden so unerreichbar / so nah“, heißt es in einer Passage von Gilbert Fels’ „Der Gebrauch von Gärten“. Der Garten, der danach in den Blick rückt, ist deshalb keineswegs nur ein Ort beschaulicher Weltvergessenheit.

Aus seiner Lyrikerzählung las der Stuttgarter Schriftsteller auf Einladung des Kirchheimer Kunstbeirats im Max-Eyth-Haus. Die Lesung fand im Rahmen der Ausstellung „Fragiles Grün“ von Juliane Laitzsch statt. Die Verbindung liegt nahe: Auch Fels erkundet die Verletzlichkeit des Grüns – aus kultureller und existenzieller Perspektive.

 

Schutz vor dem Anbranden der Welt

Gärten sind für ihn ein hohes zivilisatorisches Gut, zugleich aber ein gefährdetes. Sie bieten Schutz vor dem „Anbranden der Welt“, ermöglichen Stille und eröffnen Räume, in denen der Mensch für eine Weile bei sich sein kann. Dabei knüpft Fels an eine alte Funktion der literarischen Idylle an, wie sie auch das Biedermeier kennt: Die scheinbar beschauliche Gegenwelt gewinnt ihre Bedeutung gerade vor dem Hintergrund einer bedrohlichen Außenwelt. Der Rückzug ins Grüne ist keine naive Flucht, sondern eine Form der Selbstbehauptung.

Nicht herrschaftlichen Parks oder repräsentativen Gartenanlagen gilt das Interesse des Autors. Sein Blick richtet sich vielmehr auf versteckte Schrebergärten, Obstwiesen, Gärten von Freunden und kleine Winkel, in denen sich über Jahre eine eigene Ordnung herausgebildet hat. Die Gärten, denen er ein literarisches Denkmal setzt, hat Fels selbst besucht. Manche kennt er noch aus seiner Kindheit, andere sind längst verschwunden – überbaut, gerodet, der Kettensäge zum Opfer gefallen. Indem er sie im Text wieder auferstehen lässt, wird seine Erzählung zur Gedächtniskunst: Die verlorenen Gärten erhalten literarische Gegenwart.

Selbst berühmte Anlagen wie Monets Garten in Giverny betrachtet Fels mit einer gewissen Skepsis. Was einst ein privater Ort der Inspiration war, ist heute eine Attraktion für Touristen, die vor allem jene Motive suchen, die sie aus den Gemälden kennen. Doch die Stille, das Geheimnis des Gartens, sie sind verloren gegangen. Der Titel des Buches verweist auch auf diesen Wandel: Was bedeutet es, einen Garten zu gebrauchen – und wann wird er zum bloßen Schaustück?

In den zahlreichen kurzen, rhythmisch durchkomponierten Passagen begegnet Fels den Gärten mit genauer Beobachtung und großer sprachlicher Beweglichkeit. Selbst dem Gras widmet er eines seiner literarischen Pflanzenporträts. Es sei offen für jeden Beitrag, gemeinsam Wiese zu werden, schreibt er. Darin steckt mehr als eine poetische Naturbetrachtung: Gras als widerständige Kraft, die sich aus vielen einzelnen Halmen zusammensetzt. „Gras kennt nur eins: nie aufgeben, nirgends, unter keinen Umständen“.

So ist „Der Gebrauch von Gärten“ zwar eine Liebeserklärung an die Natur, aber keine unpolitische. Fels entdeckt im Garten einen Ort, an dem sich Autonomie bewahren lässt – und in der Natur selbst ein Prinzip der Beharrlichkeit. Das Paradies liegt näher, als man denkt. Selbstverständlich ist es nicht.