Kirchheim. Das Streichquartett gilt als Königsdisziplin der Kammermusik: Reduziert auf vier Stimmen wird die musikalische Substanz konzentriert auf ihre Essenz, die in den Strukturen klar nachvollziehbar und in absoluter Transparenz erklingt. Freilich bedarf es hierfür Interpreten, die über eine adäquate instrumentale Kompetenz verfügen. Diese Frage stellte sich beim Minguet Quartett nicht, das dem Kulturring-Publikum in der Ötlinger Eduard-Mörike-Mehrzweckhalle eine Sternstunde der Kammermusik bescherte.
Seit nahezu 40 Jahren tourt das 1988 gegründete Quartett durch die Konzertsäle der Welt und begeistert nicht nur mit den Schwergewichten des Repertoires von Mozart bis Brahms, sondern insbesondere mit zeitgenössischen Werken, die für ihr Genre geschrieben wurden.
Das Kirchheimer Programm hatten Ulrich Isfort und Annette Reisinger (Violinen), Aida-Carmen Soanea (Viola) und der Violoncellist Matthias Diener unter das Motto „Le réveil des fleurs“ gesetzt – ein heiteres Programm als wohltuenden Kontrast zum eher tristen Novemberwetter. In der stilistisch breit gefächerten Werkfolge erwies man zwei Jubilaren Referenz: Maurice Ravel, der in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag feiert, und dem aus Hiroshima stammenden Komponisten Toshio Hosokawa, der heuer 70 wurde.
Zum Auftakt gab es mit Joseph Haydns Streichquartett op. 76, Nr. 4 mit dem Beinamen „Der Sonnenaufgang“ jedoch einen Abstecher in die klassische Musikwelt des 18. Jahrhunderts.
Klangvolle Virtuosität bei Haydn
Nach ruhigem Beginn brach sich im Kopfsatz virtuoses Laufwerk Bahn. Den Streicherklang zum Strahlen zu bringen, war in der eher trockenen Akustik der Mörike-Halle sicherlich kein leichtes Unterfangen. Doch das Minguet Quartett spielte die Erfahrung aus unzähligen Konzerten voll aus: Das Zusammenspiel war in der Homogenität makellos, die Intonation bewegte sich durchgehend auf lupenreiner Spur, und die Details der Partitur waren bis in die Feinheiten hinein ausgeleuchtet. Nach dem zarten Schmelz des Adagios folgte ein mit tänzerischem Esprit gewürztes, zupackendes Menuett. Und dann das Finale: Hier jagten sich rastlos die Themen und flirrenden Läufe. Doch nichts blieb Stückwerk – alle Stränge verbanden sich zu einem erfrischenden, optimistischen Klangbild.
In eine völlig andere Klangwelt entführte der langsame Satz aus Claude Debussys einzigem Streichquartett op. 18 die Hörer. Hier waren betörender Klangzauber und feine musikalische Pinselstriche angesagt. All dies setzten die vier Streicher ebenso delikat um, wie sie danach dem Quartettsatz „Blossoming“ von Toshio Hosokawa Kontur gaben.
„Blossoming“, dem Aufblühen einer Lotusblüte im Strahl der Morgensonne nachempfunden, bewegt sich in ähnlich fragilen Sphären wie Debussys Opus, ist jedoch mit kompositorischen Mitteln der zeitgenössischen Musik umgesetzt: mal mit zarten statischen Klangflächen, dann wieder mit aufbrausenden Toneruptionen, in den Klangfarben jedoch ständig changierend.
Ravel als Meister der Klangfarben
Als Meister der Klangfarbenkomposition erwies sich auch Maurice Ravel in seinem Streichquartett op. 35. Der Geniestreich des 28-Jährigen begeistert durch satztechnische Meisterschaft und vielschichtige Klangspiele zwischen zarten epischen Anklängen und aufwallender Leidenschaft. Das Minguet Quartett spielte wie aus einem Guss, dynamisch bis in die Extreme hinein ausgehorcht und mit mannigfach schillernden Passagen, die sich zu einem profilierten, dichten Klangbild zusammenfügten.
Es gab viel Beifall und als Zugabe ein besonderes Schmankerl: das 1945 von Louis Guglielmi geschriebene Chanson „La vie en rose“, einer der größten Erfolge der Chansonette Édith Piaf.

