Hobbyhistoriker
Die Suche nach den Überresten der Flugzeuge

Der Kirchheimer Gunter Lauser und seine Gruppe erforschen die Geschichte verunglückter Piloten – wie die von Walter Geis, der am 15. Februar 1945 abgestürzt ist.

Walter Geis im zeitgenössischen Flieger-Outfit. Vor 80 Jahren, am 15. Februar 1945, ist er über Weilheimer Gemarkung abgeschossen worden und beim Absturz tödlich verunglückt.                Foto: pr

Vor 80 Jahren ist über Weilheim ein Flugzeug abgeschossen worden. Der Pilot, Leutnant Walter Geis, 25 Jahre alt, kam dabei ums Leben. Über viele Jahre hinweg hat an der Absturzstelle ein Grab an ihn erinnert – auf freiem Feld, südlich der Autobahn. Lange Zeit haben sich die Eltern aus der Ferne darum gekümmert, dass es gepflegt wurde. Regelmäßig kamen sie auch auf Besuch.

Uns fehlte damals jegliche Erfahrung.

Gunter Lauser über die erste Bergung 1989

 

Seit 35 Jahren ist es Gunter Lauser aus Kirchheim, der die Erinnerung an Walter Geis wachhält – obwohl er persönlich keinen direkten Bezug zu dem Jagdflieger aus dem Zweiten Weltkrieg hat. Was ihn aber immer schon interessiert, sind die persönlichen Schicksale, die hinter einem solchen Absturz stecken. Deshalb engagiert er sich in der „Fliegerhistorischen Arbeitsgruppe / Vermisstensuche Baden-Württemberg / Bayern“. Sieben unbekannte Schicksale konnte die Gruppe bereits aufklären. Der Fall Walter Geis fällt indessen nicht unter diese Kategorie – weil Absturzstelle und Grab ja bekannt waren.

Trotzdem fühlt sich Gunter Lauser eng mit dem Schicksal von Walter Geis verbunden: „Das war unsere allererste Grabung, Ende September 1989. Uns fehlte damals jegliche Erfahrung.“ Entsprechend unbedarft ist die Gruppe an die Bergung herangegangen. Als das Flugzeug geortet war und als bei der Grabung etliche Überreste zum Vorschein gekommen waren, riefen die Hobbyhistoriker die Polizei – wegen der Munitionsfunde.

„Kurz danach war die Bundeswehr da und hat alles beschlagnahmt.“ Was auch immer an Flugzeugteilen, Waffen, Munition gefunden wird, ist Eigentum der Bundeswehr, die mit ihrer Gründung die Rechtsnachfolge der Wehrmacht angetreten hat. Was dagegen nicht von Interesse war, waren die sterblichen Überreste des Piloten. Funde hatten gezeigt, dass in dem Grab am Feldrand längst nicht alles bestattet worden war, was sich hätte bestatten lassen können: Mitte Februar 1945 gab es sicher andere Probleme als eine umfassende Bergung.

Persönliche Gegenstände des Piloten haben die Mitglieder der Gruppe 1989 ebenfalls gefunden: „Da waren Teile des Fallschirms, Kleidung, der Geldbeutel, ein Amulett, der Ehering, die Erkennungsmarke – und ein Wehrmachtsfahrschein.“ Dieser Schein hätte es dem Piloten ermöglicht, kostenlos die Eisenbahn zu benutzen, so er denn überlebt hätte.

Die Mutter von Walter Geis kam regelmäßig zum Grab an der Absturzstelle ihres Sohnes bei Weilheim.        Foto: pr

Im November 1989 waren die sterblichen Überreste umgebettet worden, auf den Alten Friedhof in Weilheim. „Seither bin ich alle zwei Jahre dort und schaue nach der Grabplatte“, berichtet Gunter Lauser. Auch zum 80. Jahrestag des Absturzes am Samstag, 15. Februar, ist ein Besuch am Grab geplant, gemeinsam mit einigen anderen Mitgliedern der Gruppe.

Der Enkel meldet sich per E-Mail

Sehr viel persönlicher ist dieser Absturz für Gunter Lauser geworden, als sich vergangenes Jahr ein Enkel von Walter Geis per E-Mail gemeldet hat. „Wir hatten die zuständige Deutsche Dienststelle angeschrieben, und die haben Angehörige ermittelt. Die durften uns aber nichts mitteilen. Was sie machen können: Sie können selbst die Familien anschreiben und unsere Kontaktdaten weitergeben.“ Auf diese Art und Weise kam es nun eben doch noch zum Austausch.

Zum Jahrestag hat der Enkel, der bei Bremen wohnt, keine Möglichkeit, nach Weilheim zu kommen. Das will er im April nachholen. Für Gunter Lauser gehört der Kontakt zu Angehörigen zu den bewegendsten Erinnerungen: „Einmal haben wir in Wien den Bruder eines Piloten ausfindig gemacht, der bei Deufringen im Kreis Böblingen abgestürzt war. Erst durch uns hat er erfahren, wo sein Bruder begraben liegt.“

Einen anderen Fall verfolgt Gunter Lauser auch über den Tod einer Angehörigen hinaus: „Eine Frau, die in Echterdingen gewohnt hat, hatte von ihrem Bruder erzählt, der ein vermisster Flieger war.“ An ihrer Konfirmation im Mai 1944 hatte sie ihn zum letzten Mal gesehen. Bei der Verabschiedung muss er gesagt haben: „Wir werden uns nicht wiedersehen.“ Tatsächlich gilt er seit dem 19. Juli 1944 als vermisst – im Raum Memmingen / Kempten. Gunter Lauser kann die Sache immerhin eingrenzen: „Schwierig war es, verlässliche Zeugenaussagen zu finden, weil es am 18. Juli 1944 einen Luftkampf über Memmingen gegeben hat, mit vielen Abschüssen auf beiden Seiten. Am 19. Juli gab es dagegen nur drei Abschüsse. Die Zeugen haben aber oft die beiden Tage verwechselt.“ Er ist zuversichtlich, den Abschuss vom 19. Juli irgendwann richtig zuordnen zu können. Der Schwester kann er das aber nicht mehr mitteilen: „Die ist inzwischen leider verstorben.“

In einem anderen Fall war sogar noch die Witwe bei einer Bergung anwesend: „Ihr Mann war am 8. Mai 1945 zum Heimatflug gestartet, hat diesen Flug aber nicht überlebt. Das sind Geschichten, die einem sehr nahegehen.“

1989 hat Gunter Lausers „Fliegerhistorische Arbeitsgruppe“ die Überreste des Flugzeugs geborgen, gleich neben dem Grab.                         Foto: pr

Archivforschung, Internetrecherche, das Anschreiben von Behörden – dahin hat sich Gunter Lausers Arbeit inzwischen verschoben: „2007 war unsere letzte Grabung. Heute wäre das so nicht mehr möglich.“ Die Kosten waren für die Gruppe gar nicht so hoch: „Wir haben meistens Firmen vor Ort angesprochen, und die haben uns einen Bagger zur Verfügung gestellt. Normalerweise mussten wir nur die Spritkosten zahlen.“ Dasselbe galt für die Baggerfahrer: „Wenn wir gesagt haben, worum es geht, wollten die meistens auch kein Geld von uns.“

Die Arbeit geht nicht aus

Seine Forschungen wird er weiterbetreiben, auch wenn inzwischen alles „viel komplizierter und viel komplexer“ geworden sei. Es geht ihm da als Privatperson so ähnlich wie dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, bei dem er immer wieder Anfragen stellt. „Ich habe da mal gefragt, ob denen nicht irgendwann die Arbeit ausgeht, wenn die direkten Angehörigen nicht mehr leben. Die Antwort war, dass heute oft die nachgeborenen Enkel nachfragen und mehr über das Schicksal ihrer Vorfahren wissen wollen.“ So wird er es im April selbst erleben, wenn der Enkel von Walter Geis nach Weilheim kommt.