Kultur
Ein Kirchheimer, der mit seinem Film Brücken baut

Der Kirchheimer Regisseur Florian Mebes sorgt mit seinem ersten Kinofilm für große Resonanz. „Until We Talk“ erzählt eine wahre Geschichte.

Dokumentation des Filmscreenings Until We Talk mit anschließendem Panelgespräch mit den Protagonisten Bassam Aramin und Rami Elh
Dokumentation des Filmscreenings Until We Talk mit anschließendem Panelgespräch mit den Protagonisten Bassam Aramin und Rami Elhanan, Regiesseur Florian Mebes und Moderatorin Shelly Kupferberg fotografiert von Maria Sturm am 16.09.2025 in Berlin-Mitte.

Als der Dokumentarfilm „Until We Talk“ unlängst im Kommunalen Kino Kirchheim gezeigt wurde, stieß die Veranstaltung auf so großes Interesse, dass zusätzliche Sitzplätze gebraucht wurden. Die Resonanz spiegelt wider, was sich bereits an anderen Stationen von Berlin bis Freiburg angedeutet hatte: Dieser Film trifft einen Nerv.

Hinter dem Projekt steht der in Kirchheim lebende Filmemacher Florian Mebes. Mit „Until We Talk“ hat er seinen ersten abendfüllenden Dokumentarfilm vorgelegt – ein Werk, das nicht nur filmisch überzeugt, sondern auch politisch und menschlich bewegt. Mebes’ Weg zum Filmemacher begann mit einem Studium der Medientechnik in Offenburg und führte ihn anschließend an die Filmakademie in Ludwigsburg, wo er TV-Journalismus studierte.

Früh zog es ihn in internationale Konfliktregionen: Mehrere Jahre lebte er in Israel und berichtete von dort für Spiegel Online, Die Zeit und die Deutsche Welle. Später kehrte er immer wieder dorthin zurück – zuletzt unmittelbar nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023: Als Editor half er dem ZDF, die bedrückende Stimmung vor Ort zu dokumentieren. Auch in der Ukraine begleitet er seit dem russischen Überfall 2022 die Entwicklungen als Teil eines Berichterstattungsteams.“

Doch „Until We Talk“ markiert einen Wendepunkt: ein persönliches Herzensprojekt, das ihn über 15 Jahre hinweg begleitet hat. Der Anstoß für den Film wirkt beinahe zufällig: In einem Wartezimmer blätterte Mebes durch ein Magazin und stieß auf ein Foto: zwei Männer, ein Israeli und ein Palästinenser, nebeneinander an der Sperranlage im Westjordanland. „Dieses Bild hat mich nicht mehr losgelassen“, erinnert er sich. Die Männer auf dem Foto: Rami Elhanan und Bassam Aramin. Zwei Väter, die im Konflikt jeweils eine Tochter verloren haben und sich dennoch entschieden, miteinander zu sprechen. Aus dieser Entscheidung entstand eine außergewöhnliche Freundschaft. Mebes nahm Kontakt zu ihnen auf, zunächst für ein Studienprojekt.

 

Über Jahre hinweg begleitet

Doch aus der geplanten Abschlussarbeit entwickelte sich eine filmische Langzeitbeobachtung. Über Jahre hinweg begleitete er die beiden durch Israel und die palästinensischen Gebiete, später auch durch Europa und Südafrika. „Until We Talk“ erzählt die Geschichte von Rami und Bassam mit großer Nähe. Ramis Tochter wurde 1997 bei einem Selbstmordanschlag in Jerusalem getötet. Bassams Tochter starb 2007, nachdem sie von einem israelischen Grenzpolizisten erschossen worden war. Beide Männer hätten sich in Hass verlieren können. Stattdessen fanden sie zueinander – über das „Parents Circle Families Forum“, eine Organisation, die trauernde israelische und palästinensische Familien zusammenbringt. Ihr gemeinsamer Weg ist geprägt von Schmerz, aber auch von dem unerschütterlichen Glauben an Dialog und Verständigung. Der Film zeigt, wie sie weltweit Vorträge halten, an Universitäten sprechen und sich für Versöhnung einsetzen.

Dabei geht es nicht um politische Parolen, sondern um persönliche Erfahrungen: „Der gleiche Schmerz. Die gleichen Tränen“, beschreibt Rami die Begegnung mit anderen Betroffenen. Auch die Söhne der beiden Protagonisten spielen eine zentrale Rolle. Arab und Yigal, geprägt vom Verlust ihrer Schwestern, ringen zunächst mit Wut und Trauer. Heute engagieren sie sich als Friedensaktivisten, organisieren Workshops und leiten gemeinsame Projekte – darunter ein Sommerlager, in dem israelische und palästinensische Kinder einander erstmals begegnen. Die Aufführungen von „Until We Talk“ sind mehr als reine Kinovorstellungen. Häufig schließen sich Diskussionen an. „Die Leute sind emotional sehr angefasst. Oft herrscht nach der Vorführung erst einmal Stille“, berichtet Mebes.

Die Wirkung des Films verdankt sich auch seiner dramaturgischen Stärke. Mit Regisseur Andres Veiel hatte Mebes einen erfahrenen Berater zur Seite. Getragen wurde das Projekt von einem großen Team, das vielfach unbezahlt gearbeitet hat. Derzeit wird „Until We Talk“ noch im Eigenvertrieb gezeigt, doch Verhandlungen mit einem Verleih laufen. Ein offizieller Kinostart ist für den Herbst geplant. Für Mebes ist Israel ein Ort, an dem sich globale Fragen verdichten: „Vielleicht, weil dieses Land wie ein Brennglas wirkt. Weil hier alles aufeinandertrifft: Religion, Geschichte, Schmerz, Hoffnung.“ Mit „Until We Talk“ ist ihm ein Film gelungen, der genau diese Gegensätze sichtbar macht – und zugleich zeigt, dass Verständigung möglich ist.