Wahlkreis
Erststimmen für die CDU, Zweitstimmen für die Grünen

In Kirchheim ist die Lage ähnlich wie im Landesdurchschnitt: Natalie Pfau-Weller nimmt Andreas Schwarz das Direktmandat ab. Aber bei den Zweitstimmen gewinnen die Grünen knapp.

Auszählung in der Kirchheimer Konrad-Widerholt-Halle: Alle Briefwahlbezirke der Stadt Kirchheim waren dort vereint. Foto: Cars
Auszählung in der Kirchheimer Konrad-Widerholt-Halle: Alle Briefwahlbezirke der Stadt Kirchheim waren dort vereint. Foto: Carsten Riedl

Im Wahlkreis Kirchheim spiegeln sich die landesweiten Ergebnisse wider: Natalie Pfau-Weller hat erstmals seit zehn Jahren wieder das Direktmandat für die CDU geholt – mit einem deutlichen Vorsprung von rund neun Prozentpunkten. Andreas Schwarz, den Fraktionsvorsitzenden der Grünen, hat sie damit auf den zweiten Platz verwiesen.

Trotzdem kann sich Andreas Schwarz sehr viel mehr als Sieger fühlen: Wie im gesamten Land Baden-Württemberg, haben sich seine Grünen auch im Wahlkreis Kirchheim bei den Zweitstimmen eine hauchdünne Mehrheit gesichert. Sollten ihn seine Fraktionskollegen also auch im neuen Landtag zu ihrem Vorsitzenden wählen, würde er weiterhin der größten Fraktion im Stuttgarter Landesparlament vorstehen, die damit weiterhin den Ministerpräsidenten stellt. Einziger Unterschied: Der neue „Chef im Ring“ heißt nicht mehr Winfried Kretschmann, sondern Cem Özdemir.

Deutliches Erststimmenergebnis

Der Wechselwille, der in der Wählerschaft vorhanden war, zeigt sich an den Erststimmen: In allen 22 Kommunen des Wahlkreises 08 hatte Natalie Pfau-Weller die Nase vorn. Auch bei den Zweitstimmen hat die CDU in 14 von 22 Gemeinden die höchste Prozentzahl zu verzeichnen. Weil zu den anderen acht Kommunen aber außer Altbach, Hochdorf, Dettingen und Bissingen auch Plochingen, Köngen, Wendlingen und vor allem Kirchheim gehören, kommt es auch im hiesigen Wahlkreis zur knappen Mehrheit der Grünen bei den Zweitstimmen.

Auch bei den beiden Parteien, die künftig die Opposition bilden, unterscheidet sich das Ergebnis nicht wesentlich von dem im gesamten Land. Die SPD hätte im Wahlkreis Kirchheim eher noch stärker zittern müssen, denn sie liegt nur noch denkbar knapp über der Fünf-Prozent-Hürde – auch wenn sie im Land keine wesentlich höhere Prozentzahl einfahren konnte. Auch die AfD schneidet im Wahlkreis 08 um ein paar wenige Punkte hinter dem Komma etwas schlechter ab als im Land.

Grüne in Kirchheim besser

In der Stadt Kirchheim unterscheiden sich die Ergebnisse vom Wahlkreis. Die Grünen schneiden deutlich besser ab: Der Vorsprung von Natalie Pfau-Weller auf ihren ehemaligen Kirchheimer Gemeinderatskollegen Andreas Schwarz liegt bei nur knapp drei Prozentpunkten, wohingegen die Grünen bei den Zweitstimmen fast sechs Prozentpunkte Vorsprung haben. Sie liegen bei den Zweitstimmen in der Teckstadt auch über dem Landesdurchschnitt.

Um gut zwei Prozentpunkte unterhalb des Landesdurchschnitts fällt das Ergebnis der AfD in der Stadt Kirchheim aus. Die SPD hätte es innerhalb der Kirchheimer Gemarkung ebenfalls nur äußerst knapp in den Landtag geschafft – ein ganz ähnliches Ergebnis also wie im Wahlkreis.

In den übrigen Kommunen im Verbreitungsgebiet des Teckboten sieht das ganz anders aus: In Bissingen, Dettingen, Holzmaden, Lenningen, Neidlingen, Notzingen, Ohmden, Owen und Weilheim lag die SPD bei den Zweitstimmen jeweils unter fünf Prozent. Auffällig ist auch der deutliche Vorsprung von Natalie Pfau-Weller bei den Erststimmen – am deutlichsten in Neidlingen mit fast 32 Prozentpunkten. Die höchsten Stimmanteile der AfD gab es in Lenningen und Ohmden mit jeweils rund 23 Prozent.

 

Alles nur Theater?

Kommentar von Andreas Volz zur Endphase des Wahlkampfs

Nicht wirklich spannend war die Frage, wer den Wahlkreis Kirchheim in der neuen Legislaturperiode vertreten wird: Wegen der Listenplätze kamen dafür nur Andreas Schwarz (Grüne) und Natalie Pfau-Weller (CDU) infrage. Beide standen auf den Lis­ten ihrer Parteien weit genug oben, um der Wahl im Hinblick auf ihre beruflichen Perspektiven für die nächsten fünf Jahre gelassen entgegensehen zu können.

Die einzige Frage, die demnach spannend blieb: Wer würde das Direktmandat holen? Würde es Andreas Schwarz behalten – oder würde Natalie Pfau-Weller es nach zehn Jahren wieder für die CDU erringen? Dann hätten sich die zwei Legislaturperioden mit grünem Direktmandat aus Sicht der CDU als „Betriebsunfall“ einstufen lassen.

Lange Zeit hatte die CDU in den Umfragen einen so klaren Vorsprung, dass auch diese Frage nicht allzu spannend zu sein schien: Entsprechend hat Natalie Pfau-Weller auch mit deutlicher Mehrheit das Direktmandat für sich verbuchen können.

Bei den Zweitstimmen ist es anders gelaufen: Die Kampagne gegen CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel wegen einer lange zurückliegenden Aussage war eine aus der untersten Schublade. Es ging dabei nicht um politische Inhalte, sondern um eine persönliche Disqualifizierung.

Genau das ist das generelle Problem in der Politik: Wenn zwei Parteien, die seit zehn Jahren betonen, wie erfolgreich sie in der Stuttgarter Regierungskoalition zusammenarbeiten, im Wahlkampf lieber auf Diffamierungen als auf Programme setzen, brauchen sie sich nicht über Politikverdrossenheit zu wundern. Erst recht dürfen sie sich nicht darüber beklagen.

Sie hätten wissen müssen, dass sie zur weiteren Zusammenarbeit verpflichtet sind – weil sich gar keine anderen Konstellationen ergeben würden. „Verkaufen“ sie nun weiterhin eine Harmonie, haben sie dadurch den Wahlkampf als das entlarvt, was er ist: Theater. Es sei denn, die Zusammenarbeit wäre Theater – und das wäre noch schlimmer.

Diejenigen unter den Wählern, die zu extremen Parteien nach rechts und links abwandern, werden sie so nicht zurückgewinnen. Gefragt ist jetzt eine Politik, die Vertrauen aufbaut zu „denen da oben“. In schwierigen Zeiten ist das alles andere als leicht, denn es gibt kaum Wohltaten zu verteilen. Gefragt sind glaubwürdige Fas­tenpredigten: Alle werden künftig den Gürtel sehr viel enger schnallen müssen.

Diese Wahrheit lässt sich noch viel schlechter verkaufen als die plötzliche Wiederentdeckung der Koalitionsharmonie nach Ende des Wahlkampfs.