Finissage
Facetten der Freiheit

Zum Ende der Ausstellung von Guido Weggenmann wurde über die Freiheit der Kunst diskutiert.

Guido Weggenmann im Gespräch mit der Stuttgarter Philosophin Céline Klotz. Foto: Florian Stegmaier

Kirchheim. Seit Herbst liegen überdimensionierte Handschellen im Kirchheimer Bürgerpark. Auf Einladung des Kirchheimer Kunstbeirats hatte der Bildhauer Guido Weggenmann seine Arbeit „Frühling“ in den öffentlichen Raum gestellt. Die gesprengten Stahlfesseln rufen ihr Gegenbild, die Freiheit auf den Plan. So war es nur konsequent, Weggenmanns Finissage im Kirchheimer „Artspace Wieweg“ dem Thema „Freiheit der Kunst“ zu widmen.

In ihrem Vortrag beleuchtete die Stuttgarter Philosophin Céline Klotz Freiheit als hoch aufgeladenes Wort, das anfällig für ideologische Vereinnahmung sei. Wenn die Bedrohung der Kunstfreiheit angeprangert wird, gehe es meist um die Freiheit des Werks, also um die Frage, was auf welche Weise gezeigt wird. Doch die Entscheidung darüber, was Kunst ist, hänge nicht allein von der Definitionshoheit des Künstlers und der materiellen Beschaffenheit des Werks ab. Kunst bedürfe einer radikalen, wenn nötig provokativen Freiheit. Im Gegenzug müsse Kunst aushalten, kritisch befragt zu werden. Freiheit der Kunst könne schöpferische „Ermöglichungsfreiheit“ meinen, aber auch die Freiheit von Zensur oder politischer Instrumentalisierung bedeuten. Klotz, die im Württembergischen Kunstverein als Vermittlerin tätig ist, warf die Frage auf, ob Kunstautonomie als unabhängige Sphäre des Kunstschaffens mehr Ideal als Tatsache sei. Denn die Kunstfreiheit, die im Zuge der Aufklärung als Gemeingut propagiert wurde, realisierte sich zwar in der Einrichtung von Museen, Theatern und Kunstvereinen. Jedoch vollzogen sich diese Akte bürgerlicher Identitätsstiftung durch sozialen Ausschluss: „Autonomie der Kunst war nie eine universelle im Sinne der allgemeinen Zugänglichkeit“.

Einblick in den Entstehungsprozess

Indem Guido Weggenmanns Arbeit im öffentlichen Raum gezeigt werde, überbrücke sie das Problem des Zugangs. Seine Stahlskulptur leiste einen Beitrag zur Entdeckung und Intensivierung von Wirklichkeit. Kunst besitze die Freiheit, Bereicherung oder Anreicherung der Wirklichkeit zu sein. Ein solches Verständnis von Kunstfreiheit mache moralische Bewertungen hinfällig und können von Zensur nicht berührt werden, so Klotz. In der anschließenden, lebhaft geführten Diskussion gab Weggenmann Einblick in den geistig wie emotional dichten Entstehungsprozess seiner Arbeit. Deren Titel „Frühling“ hat eine beklemmende Vorgeschichte. Ägyptische Kollegen hatten Weggenmann erzählt, wie der „arabische Frühling“ in die Repression gekippt ist.

In ihrem anregenden Austausch erwies sich die Finissage als sozialer Denkraum, der dem ästhetische Gehalt von Weggenmanns Skulptur begrifflich vielfältige Konkretisierung bot.