Ich stand lange dort, schweigend. Die Worte fehlten.“ Als Ali Mansour das Grab seiner Mutter im Norden Syriens besucht, scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen. Zehn Jahre ist es her, dass er seine Heimat verlassen musste – zehn Jahre, in denen er sich oft gefragt hat, ob dieser Moment jemals möglich sein würde.
Während des verheerenden Bürgerkriegs floh die junge Familie aus Aleppo und fand in Kirchheim ein neues Zuhause. Längst sind Ali und Nahed Mansour deutsche Staatsbürger und engagierte Mitglieder der Zivilgesellschaft. Nun, nach dem Regimewechsel in Syrien, konnten sie während der Pfingstferien erstmals wieder zurückkehren – für zwei Wochen voller Emotionen, Überraschungen und leiser Hoffnung.
„Das Land hat sich verändert, die Menschen haben sich verändert – und auch wir sind anders geworden“, bringt Nahed Mansour ihre Eindrücke auf den Punkt. Mit gemischten Gefühlen reisen sie über die türkisch-syrische Grenze nach Idlib im Norden Syriens. Ihre Kinder haben sie bei Verwandten in Deutschland gelassen – auch aus Sicherheitsgründen: „Wir konnten die Lage vor Ort nicht einschätzen“. Und doch: Die Region präsentiert sich überraschend stabil, das syrische Grenzpersonal ist freundlich. Auch bürokratische Vorgänge laufen rasch und ohne Korruption. „Das war früher ganz anders“, erinnert sich Ali, der die beklemmende Atmosphäre unter dem Assad-Regime noch gut im Gedächtnis hat.
Der Weg zu einem freien, demokratischen Syrien ist noch lang, aber es bewegt sich etwas.
Ali Mansour
In Idlib und Aleppo warten zahlreiche Verwandte. Das Wiedersehen nach der langen Trennung ist hochemotional, Glück und Schmerz liegen dicht beieinander. „Es sind viele Freudentränen geflossen“, sagt Nahed, „aber wir waren auch traurig wegen der verlorenen Zeit.“ Kleine Alltagsbeobachtungen offenbaren, wie prägend das Leben in Deutschland war: Als Nahed sich im Auto ihres Bruders anschnallen will, reagiert dieser irritiert – für ihn ein Zeichen von Misstrauen. „Da wurde mir bewusst, wie sehr wir uns an deutsche Gewohnheiten gewöhnt haben“, sagt Nahed mit einem Lächeln.
Die Eindrücke, die sie in Syrien sammeln, sind widersprüchlich. Idlib scheint aufgeblüht. Rund fünf Millionen Menschen leben in der Region – darunter viele Binnenflüchtlinge. Die Stadt, die schon vor dem Sturz von Assad unter der Kontrolle der Rebellen war, hat neue Shoppingmalls, Autohäuser und eine gut funktionierende Infrastruktur. An die Stelle staatlicher Monopole treten Wettbewerb und persönliche Initiative. WLAN und Internet sind für breite Teile der Bevölkerung erschwinglich.
Aleppo hingegen trägt noch immer die Narben des Krieges. Die Menschen wirken ausgelaugt. „Ich habe 20 Jahre in Aleppo gelebt“, erzählt Ali. „Früher war das eine fröhliche Metropole. Jetzt hatte ich das Gefühl, selbst die Steine dort sind müde und traurig.“ Trotz der anhaltenden Herausforderungen sehen Ali und Nahed Mansour Anzeichen für einen Wandel. In ihren Gesprächen vor Ort hören sie auch regierungskritische Stimmen – etwas, das unter Assad undenkbar gewesen wäre. Sie berichten von einer vorsichtigen Öffnung unter dem Übergangspräsidenten Ahmed al-Sharaa, von Pressefreiheit und dem Bemühen um außenpolitische Entspannung. Doch es bleibt viel zu tun – insbesondere im Umgang mit Minderheiten wie Kurden und Drusen. „Der Weg zu einem freien, demokratischen Syrien ist noch lang“, sagt Ali. „Aber es bewegt sich etwas.“
Die Rückreise verläuft – trotz Umweg über Jordanien – reibungslos. Im Bus nach Amman kommen sie mit anderen Syrern ins Gespräch, die heute in Österreich, der Schweiz und anderen Ländern leben. Eine Erfahrung, die Ali bewegt: „Wir sind alle Syrer, haben aber verschiedene Nationalitäten.“ Das Gefühl, zwischen zwei Welten zu leben, empfinden Mansours nicht als Widerspruch, sondern als Bereicherung. „Syrien ist meine Heimat“, sagt Ali, „und in Deutschland ist mein Leben.“ Genau diese Doppelperspektive wollen sie nutzen – als Brückenbauer zwischen den Kulturen. In Kirchheim tun sie das bereits: im Integrationsrat und im Kulturverein „Tawasul“.
Was Ali und Nahed Mansour aus Syrien mitgebracht haben, sind Eindrücke – persönlich, emotional. Und doch vermitteln sie ein Bild eines Landes, das sich nach Jahren des Schreckens langsam verändert. Nicht alles ist gut, nicht alles sicher – aber vieles anders. Für das Ehepaar Mansour ist das ein Hoffnungsschimmer. Und ein Antrieb, sich weiterhin für Verständigung und Wiederaufbau einzusetzen – hier in Kirchheim und mit Blick auf ein neues Syrien.

