Aus kleinen Anfängen ist etwas Großes gewachsen: Über die Jahrzehnte hat die Lebenshilfe Kirchheim mit engagiertem Einsatz ein tragfähiges soziales Netz zur Unterstützung von kleinen und großen Menschen mit Behinderung aufgebaut. In der vollbesetzten Eduard-Mörike-Halle feierte der 1965 gegründete Verein am Freitagabend sein 60-jähriges Bestehen.
Bärbel Kehl-Maurer, die seit 1980 in der Lebenshilfe engagiert ist und den Verein seit 2002 als Vorstandsvorsitzende führt, begrüßte zahlreiche Ehrengäste, Mitarbeitende und Nutzer von Einrichtungen. In einem Rückblick ging sie auf die umfassenden Angebote der Lebenshilfe ein. Angesprochen wurden der Carl-Weber-Kindergarten, das Wohnheim in der Saarstraße, die offenen Hilfen, der familienentlastende Dienst, die Ganztagsbetreuung sowie die Ferienangebote. Die jüngste Einrichtung der Lebenshilfe in Kirchheim ist das „PauLe“, das 2021 als Zentrum für Familie und Selbsthilfe mitten im neuen Wohnquartier auf dem Nanz-Areal eröffnete.
Der Sozialstaat darf nicht auf Kosten von behinderten Menschen saniert werden.
Bärbel Kehl-Maurer, Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe
Die Vorsitzende zeigte sich stolz über das Erreichte und schrieb der Politik ins Stammbuch: „Der Sozialstaat darf nicht auf Kosten von behinderten Menschen saniert werden. Deren Teilhabe ist ein Recht, Menschen mit Behinderung müssen gesehen werden“.
Landrat Marcel Musolf erinnerte sich an seinen Zivildienst bei der Lebenshilfe in Weilheim, wo er das Miteinander von Menschen ohne und mit Behinderung als etwas völlig Normales empfunden hat. Musolf überbrachte die Glückwünsche des Landkreises, und verwies auf die zahlreichen sozialen Einrichtungen in der Trägerschaft des Kreises. Sein Postulat: „Wir müssen vor Ort stets den Blick auf die Menschen schärfen und den Schwächeren in der Gesellschaft Unterstützung geben“.
Recht auf Teilhabe
Die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt – sie ist seit 2012 Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe – überbrachte die Glückwünsche des Verbands und würdigte die gewaltige Leistung, die von der Lebenshilfe Kirchheim über viele Jahre erbracht wurde. Schmidt unterstrich das Recht auf Teilhabe und forderte: „Die Rechtsansprüche von Menschen mit Behinderung dürfen nicht beschnitten werden“.

Anneliese Lieb, die charmant durch den Abend führte, moderierte auch ein Podiumsgespräch, in dem das Leben von Menschen mit Behinderung aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wurde. Volker Ditzinger, der Geschäftsführer der WEK-Werkstätten Esslingen-Kirchheim, berichtete über die Arbeit seiner Einrichtung, in der Menschen mit Handicap voll integriert sind. Wie wichtig die Arbeit für Menschen mit Behinderung ist, unterstrich Bianca Alagna, eine selbst Betroffene, die als Betreuerin im Carl-Weber-Kindergarten beschäftigt ist: „Ich fühle mich in der Gemeinschaft des Kindergartens sehr wohl und bin dort voll akzeptiert“.
Eine Bürgerbewegung
Oberbürgermeister Pascal Bader bekräftigte die Unterstützung der Lebenshilfe durch die Stadt Kirchheim. Er führte die Einrichtung barrierefreier Bushaltestellen und die behindertengerechte Ausgestaltung des neuen Verwaltungsgebäudes in der Widerholtstraße an. Überdies stehe auch der teilweise behindertengerechte Umbau der Karl-Widerholt-Förderschule auf der Agenda der Stadtverwaltung.

Bärbel Kehl-Maurer nannte die Lebenshilfe eine Bürgerbewegung. Man müsse sich stets weiterentwickeln und an die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen. In dasselbe Horn stieß ihre Geschäftsführerin Cornelia Klee. Allen Menschen, die mit Behinderten arbeiten, gelte Respekt und Anerkennung. Wichtig sei, neben dem Finden und Behalten von Fachkräften, insbesondere der Abbau bürokratischer Hindernisse im Alltag.
Neben vielen Worten gab es auch Unterhaltendes. Eröffnet hatte den Festabend der von Ulrike Tsalos geleitete Chor ohne Barrieren, der im Begrüßungslied „Hallo Leute, wir sind da“ von Kindern des Carl-Weber-Kindergartens unterstützt wurde. Die Freude der Akteure war hautnah zu spüren, ebenso die Begeisterung der Kinder der Verbundschule Dettingen, die bei ihrem Tanzauftritt eine flotte Sohle aufs Parkett legten.
Nach dem Abendessen gab es eine Theateraufführung des Aktionskreises für Menschen mit und ohne Behinderung. Und nachdem die schmucke Jubiläumstorte angeschnitten und verteilt war, klang der Abend aus mit Livemusik der Limeshof-Band „The Sixteens“ der Nikolauspflege Welzheim.

