Musik als Aufschrei, als Hoffnung, als Widerstand: Unter dem Titel „How Many Times …“ spannte das Jo Ambros Trio im Kirchheimer Club Bastion einen Bogen durch die Geschichte des Protestsongs – von Bauernkriegsballaden bis zu den Straßenhymnen der Gegenwart. Verstärkt wurde das Konzert durch die Stimme des Kirchheimer Stadtarchivars Dr. Frank Bauer, der die Lieder mit kenntnisreichen und erzählerisch funkelnden Kommentaren in ihren historischen Kontext rückte. Gemeinsam mit den Musikern widmete er sich der Frage, wie Musikstücke über Jahrhunderte hinweg zum Vehikel des Widerstands wurden – und warum sie auch heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben. Musik, so Bauer, sei früher an bestimmte Orte und Ereignisse gebunden gewesen – an die Schule, das Gasthaus oder politische Events. Heute umgebe sie uns ständig. Doch gerade im gemeinsamen Singen und Hören entfalte sie noch immer soziale Wirkung: „Das Lied wird zu einem Akt der Selbstvergewisserung – in der Kirche, im Stadion, auf der Straße.“
Mit traumwandlerischer Sicherheit
Musikalisch führte Gitarrist Jo Ambros, flankiert von Dieter Fischer am Bass und Johann Polzer am Schlagzeug, diese Gedanken in kunstvolle, oft überraschende Klangwelten. Ambros spielte sich traumwandlerisch sicher durch verschiedenste Stilregister und bewies mit raffiniert-humorvollen Arrangements, dass die Kraft des Protestsongs nicht allein im Text liegt – sondern ebenso in den Melodien, die Generationen von Menschen zu Trägern einer Botschaft machten.
In Bob Dylans „Blowing in the Wind“ entwickelte sich ein mitreißender musikalischer Dialog: Ambros ließ seine Gitarre fragen, Fischer antwortete am Bass, Polzer setzte pointierte Akzente am Schlagzeug – ein Gespräch ohne Worte, das die Unruhe und Sehnsucht des Textes kongenial widerspiegelte. Tief unter die Haut ging die erschütternde Version von „Strange Fruit“, einem Lied über rassistische Lynchjustiz im amerikanischen Süden. Mit der Slide-Guitar schuf Ambros schneidende, fast surreale Klangfarben, die den grausamen Bildern des Textes – von Frank Bauer plastisch geschildert – eine körperlich schmerzhafte Dimension verliehen. Auch dunkle Kapitel der deutschen Geschichte fehlten nicht. Mit „Des Geyers schwarzer Haufen“ zeigte sich, wie ein Lied vereinnahmt und umgedeutet wurde – von revolutionären Jugendgruppen bis hin zur NS-Propaganda. Dass musikalischer Protest kein Relikt vergangener Zeiten ist, machte der französische Song „Danser encore“ deutlich – entstanden inmitten der Corona-Pandemie. Kirchheims Stadtarchivar erinnerte an die spontanen Flashmobs, die 2021 trotz Lockdown-Bestimmungen tanzend ihre Freiheit zurückerobern wollten – ein Lied zwischen Trotz, Hoffnung und Eleganz.
Zum Abschluss des Programms weitete Frank Bauer den Blick. Was alle Protestsongs verbinde, sei ihr doppeltes Wesen: das Nein zur Ungerechtigkeit – und das Ja zur Hoffnung. „Wer Protestlieder singt, hofft auf eine bessere Zukunft, auf Veränderung und auf das Gute im Menschen.“ Ein Satz, der im Gewölbe der Bastion noch lange nachhallte – gemeinsam mit den Klängen von Ambros’ Gitarre, die an diesem Abend zeigte, dass die Melodien des Widerstands niemals verstummen.

