Nach gewissen Turbulenzen zu Jahresbeginn befindet sich Kirchheims Segelflugzeugbauer Schempp-Hirth gegen Ende des vierten Quartals wieder im Aufwind, ohne den Segelfliegen nicht möglich wäre. „Die Preisentwicklung hat uns ziemlich runtergerissen“, berichtet Geschäftsführer Tilo Holighaus am Ende des Jahres, in dem das Unternehmen gemeinsam mit der Belegschaft das 90-jährige Bestehen feiern konnte. Im Gegensatz zur allgemeinen Inflationsrate seien die Kosten im Flugzeugbau noch einmal zusätzlich explodiert. Das führte zur deutlich spürbaren Kaufzurückhaltung bei den Kunden.
Wir fliegen mit unseren Flugzeugen im Schnitt einmal täglich um die Welt.
Tilo Holighaus zu den Streckenkilometern der Produkte von Schempp-Hirth
„Inzwischen sind die Leute vermehrt dazu übergegangen, ihre Flugzeuge zu behalten und noch etwas länger zu fliegen, bevor sie das neueste Modell bestellen“, beschreibt Tilo Holighaus die Lage. Das Unternehmen hat aber auch darauf eine passende Antwort: „Wir bieten immer mehr Serviceleistungen an und überholen die Flugzeuge für unsere Kunden.“
Gut und sicher unterwegs
Die Produkte aus dem Hause Schempp-Hirth sind für gewöhnlich sehr robust: „Fast alle Flugzeuge, die wir in den letzten 50 Jahren gebaut haben, fliegen noch – und sie fliegen gut und sicher“, sagt der Geschäftsführer, nicht ohne einen gewissen Stolz. Außer der Wartung übernimmt seine Firma auch die Nachrüstung älterer Modelle.
Waren es bisher Verbrennermotoren, mit denen die Maschinen nachgerüstet wurden, setzt Schempp-Hirth jetzt stärker auf Elektromotoren. „Bei Neubestellungen gibt es fast nur noch die Nachfrage nach Elektromotoren“, sagt Tilo Holighaus. Die entscheidenden Vorteile: „Die machen weniger Lärm und weniger Gestank als die Verbrenner.“
Da schwärmt sogar der Flieger
Motoren in Segelflugzeugen – das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Aber sie haben sich schon lange „eingebürgert“. Zum einen befähigen sie die Flugzeuge zum Eigenstart: Es braucht also weniger Windenstarts oder auch Schleppflugzeuge. Zum anderen lassen sich durch die Motoren Außenlandungen vermeiden: Wer also nicht mehr über genügend Thermik verfügt, um segelnd oder gleitend zum Flugplatz zu gelangen, kann dank des Motors problemlos das Ziel erreichen. Der neue Elektromotor bringt Tilo Holighaus geradezu ins Schwärmen – sogar den Flieger Tilo Holighaus, nicht nur den Geschäftsmann: „Bei diesem Flugzeug macht es selbst mit laufendem Motor Spaß, es zu fliegen. Normalerweise bist du ja froh, wenn du den Motor ausstellen kannst und endlich in den Segelflug kommst.“
Der Elektromotor lässt sich stufenlos regulieren: „Man kann ihn auf Null-Sinken einstellen und verliert dadurch nicht an Höhe, bis man wieder in eine Thermik kommt.“ Es gebe auch ganz neue Wettbewerbsmodelle, bei denen der möglichst sparsame und kluge Einsatz des Motors mit in die Bewertung einfließt.
Auch sonst hat sich an sportlichen Vergleichsmöglichkeiten einiges geändert: „Da gibt es Internetplattformen, auf denen man alle Flüge einstellen kann – und da sind wir mit Abstand diejenigen, die den größten Anteil an Flugzeugen haben, die da erfolgreich unterwegs sind.“ Und noch ein besonderes Faktum: „Wir fliegen mit unseren Flugzeugen im Schnitt einmal täglich um die Welt.“
Zurück zum Ventus E, mit dem Elektroantrieb: „Um den Motor und das Flugzeug zur Serienreife zu bringen, dafür gibt es hohe Hürden.“ Tilo Holighaus kennt die Bürokratie in der Luftfahrt, und er hält sie für wesentlich komplizierter als im „normalen“ Leben.
Trotzdem – oder gerade deshalb – freut es ihn umso mehr, dass es gelungen ist, das neue Modell vorzulegen. Immerhin sei es in jeder Hinsicht „schwer“, einen Elektromotor in ein Segelflugzeug zu integrieren: „Das Problem ist nicht der Motor, das Problem ist die Batterie. Die ist wirklich schwer.“
Was ihn am Ende des „Jubiläumsjahrs“ besonders freut: „Wir haben eine sehr gute Belegschaft. Inzwischen ist es uns gelungen, erstmals seit Jahren fast alle offenen Stellen zu besetzen.“ Auf die Belegschaft, die mit Herzblut bei der Sache ist, kommt es an, um das Ziel von Schempp-Hirth auch weiterhin zu erreichen: „Wir wollen nicht nur die besten, sondern auch die beliebtesten Flugzeuge bauen. Deshalb freuen wir uns über jeden, der mit einem Lächeln aus einem unserer Cockpits steigt.“

