Wer auf dem Land wohnt und von Krankheiten und Zipperlein geplagt wird, muss oft weite Wege zum Hausarzt in Kauf nehmen. Die Zahl der Arztpraxen auf Dörfern sinkt, viele Mediziner kommen ins Rentenalter und finden keinen Nachfolger.
Nabern hat zwar nur gut 2000 Einwohner, doch der Kirchheimer Teilort ist in der glücklichen Lage, einen Hausarzt zu haben, der noch dazu mitten im Berufsleben steht. Das wissen offenbar nicht nur die Bürger zu schätzen, sondern auch die Politiker. Bei ihnen schrillten nämlich sogleich die Alarmglocken, als sie von der Eigenbedarfskündigung für den Doc erfuhren. Umgehend machten sie sich auf die Suche nach Alternativen – und wurden quasi vor der eigenen Haustür fündig: Im Rathaus werden künftig nicht nur politische, sondern auch medizinische Weichenstellungen erfolgen. Das Erdgeschoss erhält einen kleinen Anbau und wird zur Arztpraxis umgebaut.

Ein großer Vorteil: Barrierefrei ist das Erdgeschoss bereits. Vor etwa zehn Jahren wurde neben der Treppe eine Rampe installiert. Derzeit treffen sich im dortigen Bürgersaal örtliche Vereine, sie lagern zudem im Erdgeschoss diverse Ausrüstungsgegenstände. Die Toilette, die nicht nur bei Dorffesten wichtig ist, und ein kleines Büro sollen für die Allgemeinheit erhalten bleiben.
Im Obergeschoss ist die Verwaltung untergebracht, außerdem tagt im Konferenzraum der Ortschaftsrat. Das soll auch so bleiben. Insgesamt ist das vor über 100 Jahren als Schule errichtete Gebäude in einem ganz guten Zustand, wie Margarethe Keßler vom Hochbauamt Kirchheim den Politikern erläuterte. Dennoch kommt zu den Kosten für den Umbau auch noch die Brandschutzsanierung, die ohnehin angefallen wäre, und die energetische Sanierung.
Das ist momentan noch Zukunftsmusik.
Ortsvorsteher Henrik Peter zu Ideen für eine barrierefreie Verwaltung und Vereinsräume in den Obergeschossen des Rathauses.
Alles in allem belaufen sich die Ausgaben für das Projekt auf 845 000 Euro. 650 000 Euro sind bereits im Haushaltsplan vorgesehen. Weiter erfolgt die Finanzierung über nicht benötigte Mittel für Kindergarten und Schulsanierung. Außerdem dient die Miete zur Refinanzierung. Wenn alles wie am Schnürchen läuft, kann Dr. Moritz Schmauk mit seinem Team die ersten Patienten im Frühsommer 2027 im Rathaus empfangen.

„Wohin wollen wir uns mit dem Gesamtgebäude entwickeln?“, signalisierte Margarethe Keßler, bereits einen Schritt weitergedacht zu haben. Ein Traum wäre beispielsweise eine komplett barrierefreie Verwaltung. Dafür müsste jedoch ein Aufzug eingerichtet werden. Das derzeit leere Dachgeschoss könnte dann dem Vereinsleben nutzen. „Dafür wäre natürlich ein neues Budget nötig“, machte Keßler klar, und Ortsvorsteher Henrik Peter ergänzte: „Das ist im Moment noch Zukunftsmusik angesichts der finanziellen Lage.“
Kein Wunder also, dass sich die Vereine bereits Sorgen machen, wo sie ihre Treffen abhalten und ihre Materialien lagern sollen. Henrik Peter zeigte sich überzeugt, beispielsweise im Schulbereich Alternativen zu finden. Kerstin Unger von der Allgemeinen Wählervereinigung teilte die Zuversicht und freute sich, dass auch schon die Kirchengemeinde Hilfe angeboten habe.
Einstimmig segnete das Gremium die derzeitige Entwurfplanung samt Brandschutzsanierung ab. Als nächstes wird sich der Kirchheimer Gemeinderat mit der Thematik befassen.
Beim Umbau geht es um Zeit und Geld
Fast 1000 Hausarzt-Sitze sind laut Ärzteblatt derzeit im Ländle vakant, besonders dramatisch ist die Situation auf dem Land. Zwar ist die Zahl der Ärzte insgesamt in den letzten Jahren gestiegen, die Mediziner arbeiten jedoch nicht mehr rund um die Uhr wie früher üblich. Zudem droht eine Ruhestandswelle in den nächsten Jahren.
Ab Mai 2027 könnten im Alten Rathaus nicht nur politische, sondern auch medizinische Entscheidungen erfolgen. Zu diesem Zeitpunkt läuft der aktuelle Mietvertrag des örtlichen Hausarztes aus. Bereits seit 2023 zerbricht man sich in Nabern die Köpfe über eine Anschlusslösung. Sie wurde mit dem Erdgeschoss im Rathaus gefunden.
845 000 Euro dürfte der Umbau kosten, inklusive energetische Sanierung und Brandschutz. Letzterer fällt aus baurechtlichen Gründen ohnehin an. 650000 Euro sind bereits im aktuellen Haushalt eingestellt. Geplant ist ein langfristiger Mietvertrag mit Dr. Moritz Schmaus, die Grundmietdauer soll bei 15 Jahren liegen.
Kommentar: Roter Teppich für den Doc
Nicht nur Schule, Arbeitsplätze, Verkehrsanbindung und Lebensmittelversorgung sind wichtig bei der Wohnortwahl. „Gibt’s da auch einen Arzt?“, wird oft gefragt, wenn einer von seinem Heimatort erzählt. Zwar überrascht es, dass zunehmend die Gemeinden selbst Räumlichkeiten für Ärzte umbauen, einbauen oder anbieten. Schließlich zählt diese Berufsgruppe ja wirklich nicht gerade zu den Geringverdienern, und man fragt sich zurecht, ob derlei Ausgaben Sache der Gesamtgesellschaft sind.
Aber auf der anderen Seite sind es die Dörfer und Ortsteile selbst, die letztlich profitieren: Die Anwesenheit eines Hausarztes ist in der alternden Gesellschaft immer wichtiger. Das gilt umso mehr in der jetzigen Zeit, in der die Politik die Hausärzte weiter aufwertet, um die Fachärzte und Notaufnahmen an Kliniken zu schonen. Dörfer, die (noch) einen Hausarzt mit beruflicher Perspektive haben, tun gut daran, ihn nicht zu vergraulen, sondern aufgeschlossen zu kooperieren. Sie rollen damit nicht nur dem Doc einen sprichwörtlichen Roten Teppich aus, sie handeln vor allem im Sinne ihrer Bürgerschaft.

