Wenn die Orgel zur Gastgeberin wird, dann hat sie viel zu erzählen – und noch mehr zu teilen. Die 22. Kirchheimer Orgelnacht in St. Ulrich zelebrierte die „Königin der Instrumente“ als Dialogpartnerin anderer Soloinstrumente. Das Erfolgsrezept „Orgel plus…“ ging auch diesmal auf – nicht zuletzt, weil die musikalischen Gäste durchweg auf höchstem Niveau musizierten.
Dekanatskirchenmusiker Thomas Specker konnte sich über eine voll besetzte Kirche freuen – und über ein Publikum, das bis zum letzten Ton mit offenem Ohr und spürbarer Begeisterung dabeiblieb. Specker betonte den Anspruch der Reihe, auch jungen Musiktalenten eine Bühne zu bieten – ein Anliegen, das gleich zu Beginn glänzend eingelöst wurde.
Im ersten Konzert war es Trompeter Benedikt Strambach, der gemeinsam mit Specker ein Feuerwerk der Stile und Stimmungen entfachte. Die barocke „Sonata in F“ von Pietro Baldassari ließ mit ihren festlichen Fanfaren und fein ausgehörten Dialogen die Luft in St. Ulrich vibrieren. Strambach, der an der Musikhochschule Mannheim studiert und bereits als Leiter der Stadtkapelle Plochingen Verantwortung trägt, überzeugte durch geschmeidige Technik, leuchtenden Ton und musikalisches Feingefühl. Mit Otto Kettings „Intrada“ für Trompete solo, die Strambach nicht von der Empore, sondern im Kirchenschiff vortrug, wurde die Raumakustik selbst zum Klangpartner. In Max Regers monumentaler „Toccata und Fuge“ op. 59 entfaltete die Göckel-Orgel ihren vollen Farbenreichtum – ein polyphones Klanggeflecht, das in Speckers souveräner Interpretation ungewöhnlich transparent und differenziert hervortrat. Mit rhythmischer Wucht und motorischer Energie setzte Jehan Alains „Litanies“ den fulminanten Schlusspunkt.

Im zweiten Konzert verschmolzen Flötistin Agnes Gindele und Organist Thomas Gindele zu einem klanglich innigen Duo. Tradierte Formen und moderne Klangfarben begegneten sich in John Rutters „Suite Antique“, die Thomas Gindele eigens für Flöte und Orgel arrangiert hatte. Besonders der leichtfüßige Walzer wurde ebenso charmant wie virtuos dargeboten, dass spontaner Zwischenapplaus aufbrandete – ein ehrliches Zeichen der Begeisterung. Andreas Willschers Variationen über das geistliche Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ entpuppten sich als musikalisches Kaleidoskop: ein Zyklus voller origineller Einfälle, der kompositorischen Witz mit hohen technischen Anforderungen verband. Besonders das mehrstimmige Pedalsolo verlangte dem Organisten ein Höchstmaß an Koordination ab – eine Herausforderung, die Gindele mit Bravour meisterte.
Einen hochemotionalen Abschluss bot das dritte Konzert mit Violinist Holger Frey und Andreas Schweizer an der Orgel. Repertoire des 19.und 20. Jahrhunderts bildete den Schwerpunkt, das imposante E-Moll-Präludium des norddeutschen Barockmeisters Nicolaus Bruhns setzte einen markanten historischen Kontrapunkt. Maurice Ravels elegisches „Kaddisch“ und Ciprian Porumbescus bitter-süße „Ballade“ brachten das expressive Potenzial der Violine eindrucksvoll zur Geltung. In George Enescus „Prélude à l’unisson“ für Violine solo konnte Holger Frey interpretatorische Kraft entfalten und das Kirchenschiff mit atemraubender Intensität füllen. Mit dem „Allegro vivace“ aus Louis Viernes erster Orgelsinfonie ließ Andreas Schweizer schließlich die französische Spätromantik in ihrer ganzen orchestralen Pracht aufleben – kraftvoll, schillernd, souverän. Einmal mehr erwies sich dafür die Göckel-Orgel als ideales Instrument.
Auch in ihrer 22. Auflage war die Kirchheimer Orgelnacht ein Fest der Klangfarben, der musikalischen Begegnung und der künstlerischen Vielfalt. Die Orgel war dabei nicht nur Fundament, sondern lebendiger Mitspieler – eine Gastgeberin, die ihre Gäste mit offenen Registern empfängt. Wer bis zum letzten Ton ausgeharrt hatte, wurde reich belohnt – mit Bravorufen, stehenden Ovationen und einem Abend, der noch lange nachhallt.

