Wer die Kirchheimer Martinskirche betritt, begegnet einem Dialog von Wort und Bild: 17 Collagen der Künstlerin Ricarda Bachmann, inspiriert von Texten Rainer Maria Rilkes. Es sind die Früchte mehrmonatiger Arbeit, entstanden im konzentrierten, inneren Gespräch mit Gedichten, die sie schon seit ihrer Jugend begleiten. Bis 29. Dezember sind die Collagen im Kirchenraum zu sehen. Ricarda Bachmann ist gelernte Modedesignerin. Erkennbar sind ihre Arbeiten vom Interesse an der Grafik, am Material, an Struktur und Oberfläche geprägt.
Auch Rilkes Dichtung kennzeichnet eine hohe Sensibilität für Formen, Flächen und Licht. Äußere Gegenstände verwandelt er in poetische Konzentrate – Wahrnehmung und Bedeutung verschmelzen zu lyrischer Form. „Die Dinge singen hör ich so gern“, schreibt er, der den inneren Gesang der Welt einfängt wie kaum ein anderer.
Zeitlose Suche nach Sinn
Für Lyrik, die solch subtile Zwischenwelten öffnet, ist die Collage – das Aufbrechen, Übereinanderschichten und Neuordnen – fraglos eine geeignete ästhetische Näherung: robust genug, um verborgene Schichten ans Licht zu heben, zugleich hinreichend sensibel, um den inwendigen Klang zu wahren. „Rilkes Gedichte lassen Raum für eigene Gedanken“, sagt Bachmann. „Sein Motiv der Sinnsuche ist zeitlos, dennoch dringlich für unsere Gegenwart.“ Gerade diese Offenheit hat sie in Bilder übersetzt, die den lyrischen Gehalt nicht bloß illustrieren, sondern weiterführen.
Sichtbar wird das, wo Bachmann sich einem tradierten Motiv christlicher Ikonografie nähert: den Heiligen Drei Königen. Doch wie lassen sich Könige, Jesuskind und Krippe darstellen, ohne in Kitsch zu verfallen? Ihre Lösung: Die morgenländischen Weisen erscheinen als abstrakte Figuration, als Komposition aus Dreiecken, die dennoch als anbetende Gestalten erkennbar sind.
Bachmanns Kunstgriff macht die verbrauchte Krippenszene neu erfahrbar. Zumal im Kontext mit Rilkes bildstarkem Gedicht „Die Heiligen drei Könige“: ein Text über das Loslassen und Finden, eine lyrische Reise, die zur Erkenntnis des Göttlichen in der eigenen Seele führt.
Auch Rilkes berühmter „Herbsttag“ – über Reife, Vergänglichkeit und die Einsamkeit des späten Jahres – erhält in Bachmanns Arbeit eine überraschend konkrete Ergänzung. Die Zeile „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“ zählt zu den meistzitierten des Dichters. Bachmann stellt ihr einen Hausgrundriss zur Seite – ein handgefertigtes Fragment, das sie aus einem zum Abriss freigegebenen Gebäude geborgen hat.
Neuanfang statt Endpunkt
Wort und Material geraten in Beziehung: Das Gedicht evoziert Herbstschwere, die Collage hingegen regt an zu bildschöpferischer Aktivität. Der Betrachter kann – anders als Rilkes lyrisches Ich, das unruhig durch die Alleen streift – imaginativ mit dem Bau beginnen. So wird der Herbsttag nicht nur als Endpunkt lesbar, sondern als Möglichkeit eines Neuanfangs.
Bachmanns Collagen zeigen, wie fruchtbar die Verbindung von Literatur und Bildkunst sein kann. Sie schließen Rilkes Lyrik auf für eine Gegenwart, in der seine Fragen nach Sinn, Innerlichkeit und Weltbezug nichts an Relevanz verloren haben.
Dass die Rilke-Collagen verkäuflich sind, fügt der Schau eine soziale Dimension hinzu. Ein Teil der Erlöse kommt der Stiftung Martinskirche zugute – Kunst, die aus dem Dialog entsteht, unterstützt einen Ort, der seit Jahrhunderten Raum für Begegnung bietet.

