Florian van het Hekke vom Kirchheimer Büro „mehr* architekten“ freut sich über die lebhafte Diskussion, die seine Farbwahl für das neue Verwaltungsgebäude am Rollschuhplatz ausgelöst hat: „Es ist völlig normal, dass sich die Leute eine Meinung bilden und dass sie diese Meinung auch äußern. Sonst wäre es ja langweilig.“ Allerdings gehe es bei Farben immer um ganz unterschiedliches Empfinden. „Das ist halt auch eine Frage des Geschmacks. Jeder sieht das anders.“
Er selbst betont: „Mir geht es nicht um das, was gerade en vogue ist. Ich muss da keiner Mode folgen. Es geht vielmehr um überzeitliche Kriterien.“ Dazu zählen für ihn auch „Situation und Ort“ des Neubaus. Unter anderem geht es dabei um ein farbliches „Zitat des Altbaus“. Das Gebäude direkt an der Marktstraße, das jetzt durch den benachbarten Bau in den Schatten gestellt wird, weist schließlich seit Jahren und Jahrzehnten eine ganz ähnliche Farbgebung auf. „Das Rot steht deshalb auch für einen Dialog zwischen Alt und Neu.“
Zur „Topologie“, also zum Ort mitsamt seinem „Geist“, dem „genius loci“, geselle sich die „Typologie“, wie Florian van het Hekke weiter ausführt: Das Verwaltungsgebäude habe, auch wegen seiner Funktion, „eine eigenständige, identitätsstiftende Wirkung“, die eben auch in der Farbgestaltung selbstbewusst zum Ausdruck kommen soll.

Was der Architekt aber besonders betont: „Das Gebäude ist ja noch gar nicht fertig.“ Jetzt schon über „die Fassade“ zu reden, sei deshalb völlig verfrüht, also eigentlich falsch. „Seit ein paar Wochen ist das natürlich sehr präsent. Das Gerüst ist weg, und schon allein dadurch fällt die Farbe viel stärker auf.“ Hinzu komme, dass der Rollschuhplatz wegen des Weindorfs viel stärker frequentiert gewesen sei als sonst das ganze Jahr über. Somit hätten viel mehr Menschen das Rot zur Kenntnis genommen und sich unterschiedliche Meinungen darüber gebildet.
„Das Rot ist aber nur die erste Haut. Was noch kommt, ist die zweite Haut aus Holz.“ Für dieses Holz, das er als „Holzstabwerk“ bezeichnet, steht das Fachwerk in Kirchheims Innenstadt Pate. Horizontale, vertikale und diagonale Balken haben in diesem Fall zwar keine tragende Funktion. Sie „zitieren“ aber das Fachwerk, ähnlich wie die rote Farbe das nebenstehende kleinere Gebäude „zitiert“.
Die Fassade ist noch nicht fertig
Vom „Holzstabwerk“ sind bislang nur die Vorarbeiten zu sehen: Die Balken sollen auf dem Betonsockel aufsitzen, was für die Verbindung eine ganz eigene, spezielle Konstruktion im Sockel erfordert. Das Metall, über das die „Holzstäbe“ mit der eigentlichen Wand verbunden sind, ist bereits angebracht. Aber noch sind die Arbeiten an der Fassade eben nicht abgeschlossen. „Erst dann, wenn mit dem Holz die zweite Haut angebracht ist, kann man wirklich von der Fassade reden“, sagt Florian van het Hekke.
Durch diese Konstruktion bekommt das Verwaltungsgebäude sicherlich eine noch eigenständigere Wirkung als bislang durch die rote Farbe. Es wird somit auch unter diesem Gesichtspunkt zu einem neuen Kirchheimer Wahrzeichen – und nicht nur durch seinen Standort am nördlichen Eingang zur Innenstadt oder auch durch seine beachtliche Größe.
Was aber auch dann nicht abreißen wird, sind die Diskussionen über die endgültige Fassadengestaltung – also durch erste und zweite Haut, durch rote Farbe und „Holzstabwerk“. Auch dann wird es begeisterte Befürworter der Fassade geben, ebenso wie grimmige Gegner.
Man wird sich daran gewöhnen
Aber noch etwas lässt sich jetzt schon prognostizieren: „Die Leute“, die da so heftig diskutieren, werden sich an das Gebäude samt seiner eigenwilligen Fassade gewöhnen – und zwar so sehr, dass sie eines Tages heftig protestieren werden, sollte eine radikale Veränderung geplant sein. Wenn also in 50 Jahren, im Jahr 2075, verkündet wird, dass die Balken entfernt werden und die Außenwände einen Putz in dezenter Ocker- oder Cremefarbe erhalten sollen, wird die Fassade, die jetzt in der Kritik stehen mag, mit allen Mitteln verteidigt – zumindest von denen, die sich dann an der neuerlichen Diskussion beteiligen können.
Ob sich bis dahin der Name „Rotes Rathaus“ durchgesetzt haben wird, muss sich ebenfalls zeigen. „Rot“ jedenfalls dürfte passender sein als „Rathaus“. Der sperrige Begriff „Verwaltungsgebäude“ soll ja betonen, dass es eben kein neues Rathaus ist, das da am Rollschuhplatz entsteht. Andererseits: Auch das Rathaus dürfte in absehbarer Zeit den „falschen“ Namen tragen – sobald der Rat erst einmal im Kornhaus tagt.

