Wer derzeit durch den Bürgerpark schlendert, dem mag ein architektonisches Kuriosum ins Auge springen: ein eigenwilliger, verkleinert wirkender Baukörper mit Glasfassade, markanter Front und Mobiliar. Ist es ein Mini-Haus? Ein Hochsitz? Eine Skulptur? Die Antwort: alles zugleich – und mehr.
Dirk Schlichting, 1965 in Herne geboren, ist kein Künstler der lauten Gesten. Vielmehr lässt er seine Werke sprechen – meist mit leiser Ironie, immer aber in intensiver Auseinandersetzung mit dem Ort, den sie besetzen. Der Absolvent der Kunstakademie Münster, der mit Preisen ausgezeichnet und in vielen Ausstellungen vertreten war, ist ein Meister des temporären Eingriffs. In Kirchheim wurde er vom Kunstbeirat eingeladen, ein Werk für den öffentlichen Raum zu schaffen – als künstlerischen Ausgleich für die sanierungsbedingt geschlossene Galerie im Kornhaus. Das Ergebnis ist eine Intervention, die sich mit feinem Humor und kluger Reflexion in die urbane Topografie des Bürgerparks einschreibt.
Der Titel der Arbeit, „kleiner Blick zurück“, gibt bereits einen Hinweis auf ihre Haltung: zurückschauend, betrachtend, aber keinesfalls nostalgisch. Vielmehr zielt Schlichting auf einen Perspektivwechsel. Seine begehbare Skulptur stellt ein architektonisches Zitat dar – genauer: ein maßstabsreduziertes Echo der Wohnbebauung, die sich jenseits der Lauter erhebt. Auf den ersten Blick scheint es, als sei eines der gegenüberliegenden Mehrfamilienhäuser geschrumpft und vom Park aus neu aufgerichtet worden. Balkone, Fenster, Fassadenstruktur – alles ist da, nur eben komprimiert. Doch Schlichting belässt es nicht beim Modell.
Der Kunsthistoriker Rafael von Uslar, der bei der Vernissage mit feinsinniger Analyse überzeugte, brachte es auf den Punkt: „Es handelt sich um eine Skulptur, die die Gestalt von Architektur annimmt.“ Mehr noch: Sie verwandelt sich in ein architektonisches Porträt – nicht bloß als Abbild, sondern als Spiegel. So wie die historischen Landschaftsgärten mit Pagoden und Pyramiden einst die Welt ins Miniaturformat holten, stellt Schlichting dem Bürgerpark ein modernes „Folly“ zur Seite: Ein vermeintlich funktionales Objekt, das bei näherer Betrachtung seine Funktion unterläuft – und damit Fragen aufwirft.
Das Innere der Skulptur überrascht. Wer den kleinen Raum betritt, findet sich auf einem Sofa wieder, vor sich eine scheinbar großzügige Glasfront. Doch der erwartete Panoramablick bleibt aus – denn die rasterförmig gegliederte Fensterstruktur fragmentiert das Draußen. Noch scheint die Außenwelt erreichbar, aber nicht unmittelbar. Der Blick bleibt hängen, wird reflektiert – nicht nur im Glas, sondern auch im Kopf des Betrachtenden. Von Uslar spricht von einer „Introspektion im Raum“. Was wie ein Wohnzimmer aussieht, wird zur Bühne der Selbstbefragung. Wer hier sitzt, schaut nicht nur hinaus, sondern auch in sich hinein.
Dass dieser skulpturale Hochsitz auch ein Kommunikationsangebot macht, versteht sich fast von selbst. Er fordert zur Teilhabe auf, zur Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung. Er ist, wie viele von Schlichtings Arbeiten, eine Einladung, die Wirklichkeit durch die Linse des Modellhaften zu betrachten – und dabei auch die eigenen Kategorien von Original und Abbild, Funktion und Fiktion zu hinterfragen. So ist Schlichtings „kleiner Blick zurück“ nicht nur eine temporäre Bereicherung des Kirchheimer Bürgerparks, sondern auch ein klug gesetzter Kommentar zum Verhältnis von Kunst, Architektur und Gesellschaft.
Bis zum 14. September 2025 ist die Skulptur begehbar, jeweils Donnerstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr – von außen lässt sie sich jederzeit betrachten. Zur Finissage am 14. September um 17 Uhr wird der Künstler nochmals vor Ort sein – ein Anlass, sich diesem „kleinen Blick zurück“ ein weiteres Mal zu stellen. Wer weiß: Vielleicht sieht man beim zweiten Mal mehr. Oder anderes. Oder sich selbst.

