Kirchheimer Gedenkstunde zum 9. November
Verfemt, aber nicht vergessen

Am 9. November ging es in der Auferstehungskirche um Komponisten, deren Stimmen zum Schweigen gebracht werden sollten. Ihre Musik erklang erneut – als Zeichen gegen das Vergessen.

Bariton Winfried Müller sang im Rahmen der Gedenkstunde Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy, Erich Wolfgang Korngold und Viktor Ullmann, begleitet von Ralf Sach am Flügel.   Foto: Florian Stegmaier

Unter dem Leitmotiv „Entartete Musik – verfemt, vertrieben, verfolgt“ stand die Gedenkstunde zum 9. November in der Kirchheimer Auferstehungskirche. Das Evangelische Bildungswerk hatte gemeinsam mit der Gesamtkirchengemeinde und der Stadt Kirchheim eingeladen, um an die Reichspogromnacht von 1938 zu erinnern – und zugleich der Komponisten zu gedenken, deren Werke und Leben im nationalsozialistischen Deutschland verdrängt oder ausgelöscht wurden.

Kunst darf nie im Besitz einer Ideologie sein.

Pascal Bader

Zu Beginn der Feierstunde gedachte Pfarrer Jochen Maier des Historikers und Pädagogen Peter Treuherz, der die Kirchheimer Gedenkkultur über Jahrzehnte entscheidend geprägt hat. „Peter Treuherz ging es um die Wachheit im Hier und Jetzt“, würdigte Maier dessen bleibendes Engagement für politische Bildung und eine lebendige Erinnerungskultur.

Dekan Christian Tsalos lenkte den Blick auf die Verstrickungen der Kirchen im Nationalsozialismus. Er erinnerte an die „Deutschen Christen“, die den Protestantismus „gleichschalten“ wollten – bis hin zu einer von allem „Jüdischen“ gereinigten Kirchenmusik. Begriffe wie „Israel“, „Jakob“ oder „Zion“ seien aus Kantaten von Bach getilgt worden, um dem rassistischen Denken zu genügen.

Auch Kirchheims Oberbürgermeister Pascal Bader betonte die bleibende Verantwortung, Kunst und Kultur als freiheitliche Ausdrucksformen zu verteidigen. „Kunst darf nie Besitz einer Ideologie sein“, sagte er mit Blick auf das Wiedererstarken autokratischer Strömungen weltweit. Musik, so Bader, könne Widerstand sein und bewahre Menschlichkeit – selbst dann, wenn die Welt unmenschlich werde.

Markus Geiger führte in die „Entartete Musik“ ein – jenen perfiden NS-Begriffs, der Kunst und Künstler jüdischer Herkunft oder moderner Stilrichtungen ächtete und aus dem öffentlichen Leben tilgte. Auf Grundlage vermeintlich gesetzlicher Maßnahmen wurden jüdische Musiker bereits 1933 aus ihren Ämtern entlassen, Kompositionen verboten, Auftritte untersagt. Höhepunkt dieser Diffamierung war die Ausstellung „Entartete Musik“ 1938 in Düsseldorf, die die Kultur der Verfemten zur abschreckenden Schau machte.

Hartmut Schallenmüller skizzierte den verfemten Felix Mendelssohn Bartholdy als Wiederentdecker Johann Sebastian Bachs, als jung verstorbenes Genie, dessen Werke trotz ihres Glanzes jahrzehntelang von antisemitischen Vorurteilen überschattet waren. Willi Kamphausen zeichnete das Lebensbild des Wunderkinds Erich Wolfgang Korngold nach, das in Wien gefeiert, später in Hollywood zum Pionier der Filmmusik wurde und dort im Exil eine neue Heimat fand. Thomas Meyer-Weithofer erinnerte an Viktor Ullmann, der im Ghetto Theresienstadt unter unmenschlichen Bedingungen weiter komponierte – bis zu seiner Deportation und Ermordung in Auschwitz 1944.

Unzerstörbare Würde der Kunst

Musikalisch gestaltet wurde die Gedenkstunde durch Winfried Müller (Bariton) und Ralf Sach (Klavier). In fein abgestimmter Auswahl ließen sie Lieder der drei genannten Komponisten erklingen – vom jugendlichen Schwung Mendelssohns über die spätromantische Ausdruckskraft Korngolds bis zur kontemplativen Tiefe Ullmanns.

Mit interpretatorischer Sensibilität spannten sie einen Bogen über ein Jahrhundert europäischer Musikgeschichte und machten hörbar, was Worte allein kaum fassen können: die unzerstörbare Würde künstlerischer Schöpfung. Müller und Sach gelang es, den verfemten Komponisten ihre Stimmen zurückzugeben – und zu bewahren, was das NS-Regime vernichten wollte: Menschlichkeit, Schönheit und Freiheit des Geistes. Am Ende der Gedenkstunde stand die Gewissheit, dass Musik, wie Oberbürgermeister Bader es formulierte, „ein Zeugnis gegen das Vergessen und Schweigen“ bleibt.