Druckfrisch
Von aufrechten Genossen im zähen Politikbetrieb

„Mal ganz ehrlich“ heißt der brandneue Wälzer von Martin Mendler, der nicht nur im Kirchheimer Fass eifrig diskutiert wird. Mit der Abhandlung über 70 Jahre SPD in Baden-Württemberg krönt der Kirchheimer Sozialdemokrat seine langjährige Berufslaufbahn in der Politik.

Gut getarnt und doch mitten im Geschehen: Das Kirchheimer Fass ist neben dem "Holz und Feuer" ein Stammlokal von Martin Mendler, in dem die Entstehung seines Werks von vielen Diskussionen begleitet wurde. Foto: Irene Strifler

Martin Mendler ist einer, der im politischen Betrieb schon viel erlebt und als langjähriger Pressesprecher Sinn für Pointen hat, sie bereiten ihm geradezu diebische Freude. „1239 Mark für Essen und Trinken“, grinst er unter Verweis auf die Kosten für „leckeren Kalbsnierenbraten und reichlich Neuffener Täleswein“, die’s zur Gründung des Südweststaates auf dem Hohenneuffen anno 1948 gab. „Und allein 130 Mark noch für Zigarren“, wundert sich der Autor, der viele Fakten dieser Art zusammengetragen hat für seine Abhandlung über die Geschichte der SPD.

Angefangen hat alles noch während seiner Berufstätigkeit als kleine Auftragsarbeit anlässlich des 70-jährigen Bestehens der baden-württembergischen SPD. Doch dann erwachten in Mendler Interesse und Ehrgeiz. Er wühlte sich durch zahlreiche Archivalien,

 

Man kann mir literweise Wodka einflößen, und ich stelle mich trotzdem nicht vor eine Hakenkreuzfahne.

Ex-SPD-Generalsekretär Wolfgang Drexler ließ Alkoholexzesse nicht als Ausrede für rechtsextreme Äußerungen gelten.

 

reihte Fakten und Erkenntnisse aneinander, listete parlamentarische Initiativen auf und griff auf Erlebtes zurück.

Ein Insider sei hier am Werk gewesen, spricht SPD-Landtagsfraktionsvorsitzender Andreas Stoch im Vorwort zum Buch von einem „Glücksfall“. Kann schon sein, dass das für manche ein Glück war. Denn im mündlichen Gespräch ist Mendler weitaus scharfzüngiger und geht auch mit politischen Weggenossen kritischer ins Gericht. Im Buch muss man da schon zwischen den Zeilen lesen. Es trifft zu hundert Prozent zu, dass es sich laut Stoch nicht nur „um ein Buch über die Sozialdemokratie“ handelt, sondern um „ein sozialdemokratisches Buch“.

Besonders unterhaltsam ist das Werk dann, wenn es um „alte Bekannte“ geht, etwa um eine Größe aus dem Landkreis Esslingen, den ehemaligen Generalsekretär Wolfgang Drexler, nicht nur im Kreistag ein gefürchteter Redner. Als „altes Schlachtross der SPD“ ging er 2015 in der Rolle des NSU-Untersuchungsausschusses nicht zimperlich mit Rechtsextremen um, wie Mendler zeigt.

Roter Faden im Werk ist die Nähe der baden-württembergischen Sozialdemokraten zur CDU. So sei es in Vergessenheit geraten, dass beispielsweise klassische CDU-Ressorts wie Wirtschaft und Inneres 24 Jahre lang während der Regierungsbeteiligung in SPD-Hand lagen. Vielmehr krankte das Selbstbewusstsein schon in der Ära Eppler nach dessen Aussage an der Einschätzung vieler Genossen durch die CDU. Sie folgte dem Motto „Du bist zwar Sozi, aber ein netter Kerl“. – Eine Aussage, die Kirchheimer Stadträte anderer politischer Couleur mit gewisser Sympathie auch hin und wieder mal über Mendler machen.

SPD-Urgestein: Rotes Blut fließt in jeder Hinsicht in Mendlers Adern: Aufgewachsen ist der 68-Jährige in Kirchheim. Nach dem Studium der Politikwissenschaft und Germanistik in Tübingen arbeitete er als Regionalgeschäftsführer des SPD-Landesverbands für die Kreisverbände Esslingen und Göppingen. Danach war er Parlamentarischer Berater bei der SPD-Landtagsfraktion in Stuttgart, bis 2017 auch deren Pressesprecher. In Kirchheim ist er eines der Gesichter der SPD: 32 Jahre war er ihr Vorsitzender und zehn Jahre Stadtrat. 2018 erhielt er die höchste Auszeichnung seiner Partei, die Willy-Brandt-Medaille.

Ein „durch und durch sozialdemokratisches Buch“

Zielgruppe: Wer sich für die Geschichte der SPD im Südwesten der Republik interessiert oder auch einfach erlebte Zeitgeschichte mal wieder ins Gedächtnis gerufen haben möchte, ist hier richtig: „Mal ganz ehrlich“ skizziert die Geschichte und Politik von Landtagsfraktion und Landespartei der SPD in Baden-Württemberg.

Umfang: Das ist kein Klacks: 500 Seiten gönnt sich der Autor, um seine in gründlicher Quellenarbeit in Archiven online und analog gewonnenen Erkenntnisse in Worte zu fassen. Abgehandelt wird nichts weniger als sieben Jahrzehnte Landesgeschichte, von 1952 bis 2022. – Ein Fundus auch für angehende (Politik-)Wissenschaftler.

Unterhaltungswert: Gemischt. Größer ist der Informationsgehalt – trotz der Tatsache, dass der Autor fast alle Akteure persönlich kennt. Anekdoten blitzen immer wieder auf, leider manchmal sehr versteckt in Fußnoten.

„Mal ganz ehrlich" ist ab sofort für 31 Euro zu haben, ISBN-Nummer 978-3-759870-13-1.