Kunst
Was bedeuten die riesigen Handschellen im Park?

Bildhauer Guido Weggenmann fragt nach den Bedingungen von Freiheit. Seine Stahlskulptur „Frühling“ ist derzeit im Kirchheimer Bürgerpark zu sehen.

Im Bürgerpark liegen riesige Handschellen. Das Kunstwerk stammt von Guido Weggenmann. Foto: Florian Stegmaier

Die Urszene individueller Freiheit spielt in der Schweiz. Man schreibt das Jahr 1765. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau ist auf der Flucht und hat sich auf eine Insel im Bieler See zurückgezogen. Oft rudert er hinaus und legt sich auf den Boden des Bootes. Dann träumt er. Er erlebt nur sich selbst, nichts sonst. In seiner Rede über „Stress und Freiheit“ erblickt Peter Sloterdijk darin die Geburtsstunde des modernen Individuums. Jeder Mensch könne zum selbstbestimmten Ich werden, wenn er die Ketten der Gesellschaft abstreife. Damit ist zugleich ein Ideal des Künstlertums beschrieben. Ein Ideal, von dem die meis­ten Kunstschaffenden nur träumen können. Denn Freiheit bedarf ökonomischer Sicherheit, und Sicherheit beruht auf Zugeständnissen. Dennoch markiert Rousseaus Traum den Punkt, von dem aus die Zumutungen und Widersprüche deutlich werden, denen nicht nur Künstler in der Moderne ausgesetzt sind. Die gesellschaftlichen Ketten sprengen, das könne nur ein „Aufstand gegen die Tyrannei des Realen“, meint Sloterdijk. Gesprengte Fesseln und revolutionäres Aufbegehren – das sind wesentliche Motive für den Bildhauer Guido Weggenmann.

Auf Einladung des Kirchheimer Kunstbeirats ist seine Arbeit „Frühling“ im Kirchheimer Bürgerpark zu sehen. Überdimensionierte, absurd große Handschellen liegen dort auf dem Rasen. Sie sind geöffnet. Wer oder was auch immer von ihnen hätte eingeschränkt werden sollen, konnte sich befreien. Die Disziplinarmaßnahme ist gescheitert. Die liegen gebliebenen Fesseln rufen ihr Gegenbild, die Freiheit, auf den Plan. Auch Geschichten setzt Weggenmanns Kunst frei.

Von Freiheit keine Spur

Die Geschichte hinter dem Titel „Frühling“ geht so: 2013 sei er mit Künstlern aus Ägypten in Kontakt gekommen, erzählt Weggenmann. Der „Tag des Zorns“, mit dem der „arabische Frühling“ am Nil ausbrechen wollte, lag damals gerade zwei Jahre zurück. Doch von Freiheit keine Spur mehr. Die ägyptischen Kollegen berichten, dass sie nicht das Haus ­verlassen können, ohne überwacht zu werden. Material fürs Atelier zu beschaffen, sei ein Ding der Unmöglichkeit. Es sind diese Aspekte des Aufbegehrens und des Umstur­zes, die Weggenmann umtreiben: „Es geht mir um das Thema: Wie setzt man Freiheit um?“, ließ er die Kunst­interessierten bei der Vernissage im Bürgerpark wissen. Guido Weggenmann wurde 1980 in Berlin geboren. Das ­Studium der Bildhauerei führt ihn an die Münchner Kunstakademie, wo er Meis­terschüler bei Olaf ­Metzel wird.

Drei Monate Arbeit

Gerne bringt der leidenschaftliche Sammler Fundstücke in Stellung, spürt damit der Verbindung von Kunst und Leben nach. Weggenmann kommt von der klassischen Holz- und Steinbildhauerei her. „Frühling“ ist sein erstes Werk aus Stahl. Drei Monate hat er daran gearbeitet. In ihrer Einführung würdigte Dr. Heiderose Langer Weggenmanns Handschellen als „ästhetisches Werk, in dem die Dualitäten des Lebens zum Ausdruck kommen: Gefangensein und Ausbruch, Bewegungsspielraum und Grenzen“. Die Skulptur wertete die Laudatorin als „visuelles Angebot, über Erfahrung und Wert von Freiheit im Leben, in Gesellschaft und Politik“ nachzudenken. Dazu besteht bis 19. Januar 2025 im Kirchheimer Bürgerpark Gelegenheit.