Kirchheimer Umland

Vom Farrenstall ins Teufelsmuseum

Serie Mit dem Finger auf der Landkarte verreisen kann man perfekt vom heimischen Gartentisch aus. Dank Google lassen sich Postleitzahlen aus der Region rund um die Teck weltweit entdecken. Heute: 73278. Von Alicia Kaiser

Von der spätgotischen Dorfkirche über Meeresgestade und Seen bis hin zum riesigen, begrünten Wolkenkratzer lässt sich unter der
Von der spätgotischen Dorfkirche über Meeresgestade und Seen bis hin zum riesigen, begrünten Wolkenkratzer lässt sich unter der Postleitzahl 73278 alles finden. Fotomontage: Carsten Riedl

Angenommen, man würde sich mit dem Smartphone in der Hand auf eine virtuelle Weltreise begeben und nahe der Burg Teck nach einem Ort mit der Postleitzahl 73278 suchen . . . es würde einen in den beschaulichen 4000-Seelen-Ort Schlierbach verschlagen.

Im Ortszentrum befinden sich unter anderem das Rathaus, die im spätgotischen Stil erbaute Georgskirche und der Farrenstall. Dort gehen Konzerte oder Theateraufführungen über die Bühne. Wenn einem vor lauter Kultur der Schädel brummt, kann man hervorragend durch die Wälder und Streuobstwiesen um Schlierbach streifen, um den Kopf frei zu bekommen. Sollte sich dabei der Hunger melden - kein Problem: Die Kreuzeiche lädt dazu ein, ein Würstchen zu grillen. Ausruhen und Chillen sind angesagt am Schlierbacher See mit Sitzmöglichkeiten und einem Spielplatz.

Wenn man bei schönem Wetter die Augen schließt und die Füße im Schlierbacher Spielplatzsand vergräbt, fühlt es sich mit etwas Fantasie an, als wäre man gerade im Strandurlaub, beispielsweise in Singapur. Was für ein Zufall, dass Singapur, die nächste Station der Weltreise, laut Google ebenfalls die Postleitzahl 73278 besitzt. Im Gegensatz zum ruhigen Schlierbach ist Singapur eine Megacity mit über 5,6 Millionen Einwohnern. Jedes Jahr verirren sich etwa 15 Millionen Touristen in den flächenmäßig kleinsten Insel- und Stadtstaat Südostasiens. Die Fläche, die Singapur fehlt, wird durch beeindruckende Wolkenkratzer ausgeglichen.

Singapur ist jedoch keinesfalls eine trostlose Betonwüste. Zum einen sind zwischenzeitlich viele Wolkenkratzer begrünt, sodass man sich an manchen Stellen wortwörtlich im Großstadt-dschungel befindet. Zum anderen hat der Inselstaat auch traditionsreiche Stadtteile aus dem 19. Jahrhundert. Auch Sehenswürdigkeiten wie der Zoo, der botanische Garten oder der aus drei Hochhäusern bestehende ,„Marina Bay Sands“-Komplex sind einen Besuch wert.

Wer sich jedoch in Singapur mit einer Bevölkerungsdichte von 7799 Einwohnern pro Quadratkilometer eingeengt fühlt, kann seine Reise in die nächste Stadt mit derselben Postleitzahl fortsetzen. Der nächste Google-Treffer liegt in Frankreich. Es handelt sich um die Gemeinde Saint-Rémy-de-Maurienne mit etwa 1300 Einwohnern. Hier tummeln sich durchschnittlich nur 29 „Rémiliens“ auf einem Quadratkilometer. Nach dem Aufenthalt im touristischen Singapur kann jetzt schön in den Bergen gewandert werden. Im Winter sollten die Skifahrer auf keinen Fall ihre Ausrüstung zu Hause vergessen. Bei heißem Wetter hingegen laden die Seen dazu ein, die Seele baumeln zu lassen und sich im kühlen Nass so richtig zu erfrischen. Wer sich für seine weitere Reise etwas Beistand erbeten möchte, ist in der barocken Kirche Saint-Rémy oder der Kapelle der Gemeinde gut aufgehoben.

Die nächste Suche bei Google Maps führt nach Litauen. Mit oder ohne Zwischenstopp in Schlierbach geht es nun Richtung Osten, zur letzen Station der „73278-Weltreise“. Als südlichster der drei baltischen Staaten grenzt Litauen an die Ostsee. Wer also in Frankreich noch nicht genug gebadet hat, kann dies hier nachholen. Da Litauen mit einer Fläche von 65 300 Quadratkilometern nicht gerade das präziseste Reiseziel ist, kann aus einem großen Repertoire an Möglichkeiten gewählt werden. Vorausgesetzt natürlich, man ist mobil. In Litauen gibt es neben der abwechslungsreichen Natur und den Nationalparks auch zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Für Architekturfreunde ist die Altstadt von Vilnius, die sich perfekt für einen gemütlichen Stadtbummel eignet, hochinteressant. Alternativ dazu locken das Tor der Morgenröte oder der Königsberger Dom. Wer lieber ein Kontrastprogramm zur Kirche möchte, kann seine Zeit im Teufelsmuseum verbringen. Für Wasserratten oder einen lustigen Tag mit den Kindern eignet sich der Vichy Water Park mit verschiedensten Pools und Rutschen perfekt.

Bei dieser abwechslungsreichen Reise stellt sich zum Schluss nur noch die Frage: Warum eigentlich nur virtuell mit Google Maps und einer Postleitzahl verreisen?