Zwischen Neckar und Alb
Theaterspinnerei Frickenhausen bekommt den Daniel-Pfisterer-Preis

Auszeichnung Der Geschichts- und Kulturverein Köngen ehrt Jens Nüßle und Stephan Hänlein von der Theaterspinnerei in Frickenhausen mit dem Daniel-Pfisterer-Preis 2024. Von Peter Dietrich

Nein, im Bahnhof Frickenhausen gibt es natürlich keinen „Bahnsteig neundreiviertel“. Dazu ist er zu klein. Aber dort ist seit 2004 die Theaterspinnerei zu Hause. Und wenn sie in Aktion ist, könnte sich der Zuschauer manchmal ebenfalls fragen, ob das jetzt alles mit rechten Dingen zugeht. Natürlich tut es das, aber mit der aktuellen Medientechnik lassen sich eben herrliche Illusionen zaubern.

 

Sie waren Pioniere und haben Wegweisendes für die Theaterszene geleistet.
Kai Holoch, Laudator
 

Eine solche Illusion haben die beiden Theatermänner Jens Nüßle und Stephan Hänlein bei der Verleihung des Daniel-Pfisterer-Preises 2024 in der Köngener Zehntscheuer auf die Leinwand gebracht. Hatte Daniel Pfisterer zuvor im Standbild die Verleihung des nach ihm benannten Preises still verfolgt, begann er plötzlich den Mund und Teile seines Körpers zu bewegen und das Geschehen in wunderbar altertümlicher Sprechweise zu kommentieren. Es behage ihm, sagte der im Jahr 1728 verstorbene frühere Köngener Pfarrer, mehr als die Veränderung von Köngen: „Groß ist es geworden, und laut.“ Er ermahnte die Zuhörer, nicht nur der Körper brauche Nahrung, auch der Geist und die Seele verlangten nach solcher. Genauso wichtig: Hinter jedem, der gelobt werde, stünden viele, die das Lob erst möglich machten – Eltern, Lehrer, Gönner und Theaterbesucher. Entscheidend sei, dass jedes Tagwerk eine Mahlzeit bringe, die genügend groß ausfalle, um für das Weitermachen zu stärken. Die Wahl des Geschichts- und Kulturvereins Köngen für die Ehrung sei „gar nicht übel“ und „ganz in meinem Sinn“.

Schon einmal eingehend mit der Theaterspinnerei beschäftigt hatte sich Landrat Heinz Eininger, der unter den Gästen war: Vor genau 20 Jahren, als die Theaterspinnerei ihr Domizil im Bahnhof bezog, hatte er eine Rede gehalten. Seither ist dort vieles geschehen, was einen engen Bezug zu Daniel Pfisterer hat. Wie Pfisterer, sagte Sonja ­Spohn, Vorsitzende des Geschichts- und Kulturvereins Köngen, zeige die Theaterspinnerei auf, was die kleinen Leute beschäftige und bewege. Wie er beleuchte sie Hintergründiges und Philosophisches, wie er sei sie an gesellschaftlichen Entwicklungen interessiert. Die Theaterspinnerei sei ein Ort, an dem die beiden Macher ihre Version von Theater kompromisslos verfolgten.

Der Daniel-Pfisterer-Preis ist nicht mit Geld verbunden, aber zur Urkunde gibt es einen schönen Kelch. Er stellt eine Tulpe dar, der Tübinger Künstler Armin Bremicker ließ sich von Zeichnungen von Pfisterer inspirieren. „Für mich ist das der Heilige Gral, die Suche nach ihm ist hiermit beendet“, sagte Jens Nüßle beim Empfang. Er und Stephan Hänlein haben beide ihre Wurzeln in Köngen, sie lernten sich in ihrer ersten Schülerband am Robert-Bosch-Gymnasium Wendlingen kennen. Apropos Band: Für die rockige Unterhaltung bei der Preisverleihung sorgte die Musikgruppe „Big Whip“.

Die Laudatio hielt Kai Holoch, Baden-Württemberg-Reporter der Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten. „Endlich mal Laudator, bisher war ich immer nur Kritiker“, freute er sich. Sein erster Rückblick galt einer eisig kalten Winternacht im Jahr 2007, mit einer Premiere des Märchens „Das kalte Herz“. Das Licht-, Klang- und Naturerlebnis, mit magischen Projektionen auf kahle Baumwipfel, sei die verdreckten Schuhe und eiskalten Ohren wert gewesen – ein Glücksmoment, den er noch heute im Herzen trage. Die beiden Theatermänner arbeiteten „eigentlich immer jenseits der Grenze der Selbstausbeutung“ und vor Premieren in manchen Nachtstunden. Sie gaben schon Gastspiele im Köngener Schloss und auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums Kö8, sie spielten im Steinbruch neben dem Schopflocher Naturschutzzentrum und im Freilichtmuseum Beuren. Sie sorgten für den „Mord im Sofazügle“ zwischen Nürtingen und Neuffen und machten die alte Eisenbahnhalle am Kirchheimer Bahnhof zur Theaterbühne. Als die Corona-Maßnahmen nichts anderes erlaubten, fuhren sie ihre mit Funkkopfhörern ausgestatteten Gäste mit drei Rikschas durch die Landschaft und präsentierten ihnen Klangwelten und Gedichte von Hölderlin. Nun sind sie ab 27. Januar viermal bei Feuerschein im Hof des Klosters Bebenhausen zu erleben.

Theaterleute, die sich ergänzen

Kai Holoch beschrieb die Gegensätze der beiden Geehrten, die sich so gut ergänzen: Jens Nüßle sei der „charismatische, extrovertierte Intendant und künstlerische Gesamtleiter, in Personalunion Schauspieler, Regisseur, Bühnenbauer und Bühnentechniker“. Stephan Hänlein hingegen sei „der eher ruhige, nachdenkliche, ja schon ein wenig introvertierte Autor der meisten Theaterspinnerei-Stücke, Dramaturg, technischer Leiter, zuständig für Musik“.

Nicht nur die Begeisterung fürs Theater habe die beiden zusammengebracht. Alles was mit Grafik, Kameratechnik, Filmbearbeitung, Videoanimation, Multimedia, Lichtdesign und Projektionstechnik zu tun habe, habe die beiden magisch angezogen. So sei durch die beiden eine neue Theaterform entstanden, die ihrer Zeit weit voraus war. „Sie waren Pioniere und haben Wegweisendes für die Theaterszene geleistet.“ Die Besucher wüssten, dass sie kein absehbarer Theaterabend erwarte, sondern immer wieder etwas Besonderes, eine Überraschung. Mal übernehme ein Roboter eine Hauptrolle, mal gebe es magische Projektionen. Dabei bediene die Theaterspinnerei alle Genres: „Dort darf geträumt, nachgedacht, gelacht und geweint werden.“