Drei Aufstiege innerhalb weniger Jahre, plötzlich Viertligist und nun Gegner, die selbst für Trainer Marco Wanzke teilweise Neuland sind: Für die Basketballer des VfL Kirchheim beginnt mit dem Start in die Regionalliga 1 ein Abenteuer. „Es ist Wahnsinn“, sagt Wanzke, „wenn man Viertligist sagt, denkt man schon: okay, krass.“
Ganz aus dem Nichts kommt der rasante Aufstieg für den 32-Jährigen allerdings nicht. Wanzke sieht ihn als Ergebnis einer Entwicklung, die vor Jahren im Nachwuchsbereich begonnen hat. „Wir ernten jetzt im Prinzip das, was unsere erste JBBL-Saison mit der SG SEK aufgebaut hat.“ Trotz unterschiedlicher Voraussetzungen könne Kirchheim inzwischen mit großen Basketballstandorten im Südwesten wie Tübingen, Ludwigsburg oder der Urspringschule mithalten. „Für einen so kleinen Standort machen wir es echt gut. Da können wir uns schon auf die Schulter klopfen.“
Zwei oder mehr Absteiger
Wo die Kirchheimer sportlich in der neuen Umgebung stehen, ist vor dem Saisonstart allerdings schwer einzuschätzen. Wanzke bezeichnet die Regionalliga 1 als „Überraschungskiste“. Mannschaften wie Villingen-Schwenningen oder Lich wollen nach oben, andere Teams sind deutlich schwieriger einzuschätzen. Sicher ist nur: Zwei Mannschaften steigen ab, je nach Konstellationen in der Pro B könnten es auch mehr werden.
Erschwert wird die Standortbestimmung durch eine Vorbereitung, die nicht optimal verlief. Seit sieben Wochen trainiert der VfL. Zwar standen Wanzke und Co-Trainer Labinot Haziri regelmäßig 14 oder 15 Spieler inklusive Nachwuchskräften zur Verfügung. Den Kern der neun bis zehn Leistungsträger hatte das Trainerduo wegen Verletzungen, Urlaub und Belastungssteuerung jedoch nur bei zwei Einheiten komplett zusammen. „Dadurch“, so Wanzke, „sind wir aktuell noch nicht so weit, wie ich gehofft hätte.“
„Jedes Spiel benötigt unser Leistungsmaximum“
Dennoch traut Wanzke seiner Mannschaft den Klassenerhalt zu. „Wenn wir fit bleiben, sind wir auf allen Positionen wie eine tatsächliche Regio-1-Mannschaft besetzt.“ Die eher kleineren Guards seien basketballerisch stark, auf den Forwardpositionen verfüge der VfL inzwischen über eine gewisse Beständigkeit. Wanzke: „Spielerisch können wir mithalten.“
Allerdings erwartet der Trainer einen deutlichen Sprung gegenüber der vergangenen Saison. „Wir wissen, dass jedes Spiel von uns unser Leistungsmaximum benötigt.“ Die Spitzenteams der Regionalliga 1 sieht er ein gutes Stück entfernt, dahinter erwartet er ein homogenes Feld.
Das größte Fragezeichen setzt Wanzke hinter die Körperlichkeit. Der VfL versteht sich als technisch und spielerisch starke Mannschaft. Funktioniert dieses Element einmal nicht, könnten vor allem Teams mit bezahlten Spielern und Aufstiegsambitionen ihre physische Überlegenheit ausspielen. „Da mache ich mir Sorgen“, räumt Wanzke ein.
Dass der VfL inzwischen in der vierthöchsten Spielklasse angekommen ist, zeigt sich auch abseits des Feldes. Allein die Schiedsrichterkosten haben sich wegen der weiteren Anfahrten mehr als verdoppelt. Hinzu kommen zusätzliche Anforderungen an Trainer, Helfer und Spielbetrieb. Ein Livestream ist beispielsweise verpflichtend, der VfL überträgt seine Heimspiele über YouTube. Wanzke nutzt die Aufzeichnungen gleichzeitig für das Scouting.
„Man merkt, dass die vierte Liga zu den Profiligen gezählt wird“, sagt der Trainer. Gerade wegen der gestiegenen Kosten musste der Verein dem unverhofften Aufstieg zunächst zustimmen. Eine Vorgabe, die Klasse nun um jeden Preis halten zu müssen, gibt es allerdings nicht. „Wir genießen jetzt, was wir die vergangenen Jahre erarbeitet haben, und schauen, was am Ende dabei herauskommt.“
Die nächste Baustelle liegt darunter
Fast wichtiger als die Frage, ob sich die Erste dauerhaft in der Regionalliga 1 etablieren kann, ist für Wanzke deshalb die Entwicklung darunter. Die beiden weiteren Kirchheimer Herrenmannschaften spielen in der Bezirksliga – durch den Aufstieg ist die Lücke zur Ersten noch größer geworden. „Das geht nicht“, sagt Wanzke. Eine der beiden Mannschaften soll möglichst in die Landesliga aufsteigen und sich mittelfristig am besten in der Oberliga etablieren. Junge Spieler, die im ersten Erwachsenenjahr den Sprung in die Regionalligamannschaft noch nicht schaffen, sollen nicht in der Bezirks- oder Kreisliga spielen müssen. „Das muss für einen Verein wie uns einfach drin sein“, so Wanzke.
Sollte für die Erste im Saisonverlauf frühzeitig feststehen, dass sie gerettet oder bereits abgestiegen ist, würde der VfL deshalb auch Spieler für die unteren Mannschaften abstellen.
Wanzkes nächstes großes persönliches Ziel geht in dieselbe Richtung: zeitnah wieder eine NBBL-Mannschaft in Kirchheim an den Start zu bringen. Gemeinsam mit der Regionalligamannschaft und möglichst einem hauptamtlichen Trainer soll so eine durchgängige Perspektive für Talente entstehen. Die Regionalliga 1 wäre dann nicht das Ende einer überraschenden Entwicklung, sondern ein weiterer Baustein.
Bis es so weit ist, geht es erst mal darum, sich in der neuen Umgebung zu behaupten. Und dabei darf der Aufsteiger ohne Druck herausfinden, wie viel Viertligist schon in ihm steckt.
Kirchheimer Kader: Edonis Paqarada, Andi Nicklaus, Mirsad Haziri, Edolind Paqarada, Besim, Alex Stief, Xavier Lee Boyd, Moritz Lemke, Fabian John, Constantin Munz, Deniz Tasci, Len Failenschmid Clavera, Cooper Jorgusen, Linus Böhm

