Podiumsdiskussion über Ehrenamt
Sport verbindet – doch wer hält die Vereine am Laufen?

Die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion in der Freihof-Realschule haben über gesellschaftlichen Zusammenhalt, politische Haltung und die Grenzen dessen gesprochen, was Vereine leisten können.

Modertor Rainer Nübel (links) band immer wieder auch das Publikum in Diskussionen ein, die vom Podium (von links nach rechts) um
Modertor Rainer Nübel (links) band immer wieder auch das Publikum in Diskussionen ein, die vom Podium (von links nach rechts) um Marlon Lamour, Bettina Schamuder, Laetitia König, Pascal Bader und Marc Eisenmann angestoßen wurden. Foto: Peter Eidemüller

Sport verbindet. Er überwindet soziale Grenzen, vermittelt Werte und bringt Menschen zusammen, die im Alltag womöglich kaum Berührungspunkte hätten. Doch wie viel gesellschaftliche Verantwortung können Sportvereine übernehmen, ohne dabei selbst überfordert zu werden? Und wie lässt sich gerade die jüngere Generation dafür gewinnen, sich einzubringen? Fragen, auf die es am Mittwochabend in der Kirchheimer Freihof-Realschule viele Denkanstöße gab.

Rotary Clubs und Lions Club hatten eingeladen

Rund 35 Besucher waren der Einladung zur Veranstaltung „Demokratie jetzt! Der Sport lebt vom Ehrenamt“ gefolgt, bei der Vertreter aus Sport, Schule und Kommunalpolitik über die gesellschaftliche Bedeutung des Vereinssports diskutierten. Eingeladen hatten die Rotary Clubs Kirchheim/Teck-Nürtingen und Nürtingen-Kirchheim/Teck sowie der Lions Club Nürtingen-Kirchheim/Teck. Moderator Prof. Dr. Rainer Nübel bemühte sich dabei immer wieder, aus persönlichen Erfahrungen alltagstaugliche Lösungsansätze abzuleiten und auch das Publikum einzubeziehen. Was sich entwickelte, war weniger eine kontroverse Debatte als ein nachdenklicher Austausch unter Menschen, die von der verbindenden Kraft des Sports überzeugt sind.

Teilhabe dank Verein

Wie diese im Alltag wirkt, schilderte Freihof-Schulleiter Marlon Lamour anhand seiner eigenen Biografie. Als eines von drei Kindern einer alleinerziehenden Mutter mit ausländischem Namen sei er in einem kleinen Dorf aufgewachsen. „Über den Sportverein habe ich Freundschaften geschlossen und gesellschaftliche Teilhabe erfahren“, erinnerte er sich an eine Erfahrung, die ihn bis heute prägt: Herkunft und Bildungsstand spielen auf dem Sportplatz eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sei vielmehr die Erfahrung, gemeinsam etwas bewegen zu können. Eine Form von Selbstwirksamkeit, die nach Lamours Einschätzung gerade jungen Menschen zunehmend verloren gehe.

Sport schafft Begegnungen

Kirchheims Oberbürgermeister Pascal Bader sieht darin eine besondere Stärke des Vereinssports. Während sich Menschen in der Gesellschaft zunehmend in voneinander abgeschotteten Gruppen bewegten, schaffe Sport Begegnungen über soziale und kulturelle Grenzen hinweg. Daraus könne Gemeinschaft entstehen, ohne dass diese eigens organisiert werden müsse. Demokratische Grundwerte würden dabei ganz selbstverständlich vermittelt: Regeln gelten für alle, Niederlagen müssen akzeptiert und Schwächere geschützt werden.

Doch reicht es aus, Demokratie im Vereinsalltag zu leben, oder müssen Sportvereine auch aktiv politisch Haltung zeigen? Hier wurden unterschiedliche Auffassungen deutlich. Bader warnte davor, die Vereine mit zusätzlichen Erwartungen zu überfrachten. „Nicht nach jedem Training muss auch noch über Politik diskutiert werden“, fand er. Dass Rassismus keinen Platz habe und demokratische Werte respektiert werden müssten, stehe für ihn außer Frage.

Keine unzumutbare Zusatzaufgabe

Die 17-jährige Laetitia König, Schülerin am Ludwig-Uhland-Gymnasium, setzte einen anderen Akzent. Trainer und Übungsleiter hätten eine Vorbildfunktion, weshalb sie antidemokratischen Äußerungen entschieden entgegentreten müssten. Sie selbst trainiert Jugendliche im Tanzen und sucht bei entsprechenden Vorfällen das Gespräch. Demokratie aktiv zu verteidigen, sei aus ihrer Sicht keine unzumutbare Zusatzaufgabe.

Marc Eisenmann zog als Vorsitzender des VfL Kirchheim zum Abschluss eine klare Grenze zwischen parteipolitischer Neutralität und gesellschaftspolitischer Verantwortung. Sportvereine müssten parteipolitisch neutral bleiben, dürften gesellschaftspolitisch aber keineswegs gleichgültig sein. Mit Blick auf politische Entwicklungen wie in Sachsen-Anhalt warnte er vor parteipolitischer Einflussnahme. „Finger weg von den Vereinen“, lautete seine Forderung.

Wie umgehen mit Druck?

Dass die gesellschaftlichen Erwartungen an den Sport wachsen, wurde auch bei einem weiteren Thema deutlich: dem zunehmenden Leistungsdruck auf Kinder und Jugendliche. Nübel lenkte die Diskussion über Berichte von psychischen und physischen Übergriffen im deutschen Spitzenturnen auf die Frage, ob Sport noch ausreichend Raum für Freude und persönliche Entwicklung biete. Auch aus dem Publikum kamen dazu zahlreiche Wortmeldungen.

Marlon Lamour verwies auf die Unsicherheiten, mit denen junge Menschen heute aufwachsen. Hinzu kämen sehr unterschiedliche Erwartungen der Eltern. Während manche ihre Kinder mit Angeboten überfrachteten und sich intensiv in deren sportliche Entwicklung einmischten, betrachteten andere Vereine zunehmend als Dienstleister, bei denen sie ihren Nachwuchs lediglich abgeben. Für Trainer und Übungsleiter, aber auch Lehrer entstehe daraus eine zusätzliche Herausforderung. „Eigentlich müsste es mentale Gesundheit als eigenes Schulfach geben“, stellte Lamour fest.

Marc Eisenmann betonte die besondere Verantwortung der Übungsleiter, die sensibel für Überforderung sein müssten. Bettina Schmauder, Geschäftsführerin der Kirchheim Knights, erinnerte daran, dass Breitensport vor allem bedeute, Menschen entsprechend ihrer individuellen Leistungsfähigkeit aufzunehmen. Auch Laetitia König plädierte dafür, bei allem Ehrgeiz den Spaß nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie fürs Ehrenamt motivieren?

Die Frage, wie sich junge Menschen überhaupt noch für ehrenamtliches Engagement gewinnen lassen, zog sich ebenfalls durch den Abend. König lieferte dafür ein anschauliches Beispiel. Obwohl sie als Zwölftklässlerin an vier Tagen bis 17.30 Uhr Unterricht hat, engagiert sie sich seit Jahren ehrenamtlich. Allerdings beobachtet sie bei Gleichaltrigen eine größere Bereitschaft, sich zeitlich begrenzt an Projekten zu beteiligen, statt sich langfristig an feste Aufgaben zu binden.

Eine Erfahrung, die auch Pascal Bader und Marc Eisenmann aus der Vereinsarbeit kennen. Kurzfristig ließen sich durchaus Helfer gewinnen, schwieriger werde es bei dauerhaften Verpflichtungen. Gerade junge Menschen, die für Ausbildung oder Studium ihren Heimatort verließen, seien später nur schwer wieder für verantwortliche Positionen zu begeistern. Dabei sei das Ehrenamt für den Betrieb eines Großvereins wie des VfL mit seinen 17 Abteilungen unverzichtbar. „Auch im professionellen Basketball“, betonte Bettina Schmauder, „funktioniert vieles nicht ohne freiwillige Helfer.“

Wie schwierig es ist, gerade junge Menschen für solche Fragen zu erreichen, zeigte sich allerdings bereits beim Blick ins Publikum. Abgesehen von Laetitia König auf dem Podium und einem weiteren Jugendlichen waren unter den rund 35 Besuchern ausschließlich Erwachsene über 50.

 

Ehrenamt im Sport: Milliardenwert für die Gesellschaft

Das Ehrenamt ist nicht nur eine tragende Säule des organisierten Sports, sondern auch ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Nach Angaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) leisten Freiwillige in Deutschlands Sportvereinen monatlich rund 23 Millionen Arbeitsstunden in Vorstands- und weiteren ausführenden Funktionen. Allein die ehrenamtlichen Trainer und Übungsleiter kommen auf rund 10,8 Millionen Stunden im Monat. Hochgerechnet auf ein Jahr entspricht dies einem rechnerischen Gegenwert von rund 1,95 Milliarden Euro.

Insgesamt engagieren sich bundesweit etwa 8,3 Millionen Menschen freiwillig in Sportvereinen. Wie abhängig die Vereine von diesem Einsatz sind, zeigt eine weitere Zahl: Laut Sportentwicklungsbericht 2023 bis 2025 sehen 17,5 Prozent der Sportvereine ihre Existenz durch Schwierigkeiten bei der Gewinnung und Bindung ehrenamtlicher Funktionsträger bedroht.

Die finanzielle Bedeutung von freiwilliger Arbeit für die Gesellschaft verdeutlicht eine Berechnung des DOSB aus dem Jahr 2024. Demnach leisten ehrenamtliche Trainer und Übungsleiter in Deutschland jährlich rund 129,6 Millionen Arbeitsstunden. Legt man einen rechnerischen Stundenwert von etwa 15 Euro zugrunde, ergibt sich daraus eine Arbeitsleistung im Wert von rund 1,95 Milliarden Euro pro Jahr. Dabei handelt es sich nicht um tatsächliche Einsparungen der öffentlichen Hand, sondern um den geschätzten wirtschaftlichen Gegenwert unbezahlter Arbeit im Ehrenamt. pet