Er ist vierfacher deutscher Meister und hat jüngst das Langdistanzrennen über 600 Kilometer von Bordeaux nach Paris gewonnen. Dass der Sportler trotzdem kein Star ist, mag an der Disziplin liegen, die er ausübt: Andreas Böhm aus Esslingen fährt Tretroller – und das weitgehend außerhalb der medialen Wahrnehmung.
Um das zu ändern – in erster Linie nicht für sich, sondern für seine Sportart – engagiert sich der 39-jährige Esslinger nicht nur im Deutschen Tretroller-Verband (DTRV). Er versucht auch jede Gelegenheit zu nutzen, um das Tretroller-Fahren in den Fokus zu rücken und bekannter zu machen. Eine solche Gelegenheit bietet sich dem verheirateten Vater von sieben Jahre alten Zwillingen vom heutigen Mittwoch bis kommenden Freitag.
546 Kilometer für den Weltrekord
An diesen beiden Tagen will Böhm den 24-Stunden-Weltrekord des Niederländers Piet Groeneveld brechen. Dieser liegt bei 545,9 Kilometern und hat bereits seit zwölf Jahren Bestand. Es gab einige Versuche, die Bestmarke zu knacken. Geschafft hat es noch keiner. Was auch daran liegt, dass im Durchschnitt knapp 23 Kilometer pro Stunde gerollert werden müssen.
Ich ernte immer noch ein Kopfschütteln, weil ich mir das antue.
Andreas Böhm Der Tretroller-Enthusiast über die Reaktionen seiner Familie auf den Rekordversuch
Böhm will es packen und ist guter Dinge, dass ihm das gelingt, doch hat er Respekt vor der Aufgabe. Er ist zwar im wahrsten Wortsinn langstreckenerfahren, allerdings draußen auf der Straße. Für seinen Weltrekordversuch begibt sich der Schwabe jetzt aber unters Dach. Genauer gesagt auf die 400-Meter-Rundbahn der Eissporthalle in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt, auf der im Sommer ansonsten Inline- oder Rollschuhfahrer kreiseln.
Ergeben hat sich die besagte Gelegenheit im Übrigen binnen kürzester Zeit. „Im Mai gab es erste Kontakte“, erinnert sich Böhm, dann sei es schnell gegangen. Auch Sponsoren für die Hallenmiete und die Durchführung wurden rasch gefunden. Das Stuttgarter Marienhospital, wo Böhm als Arzt arbeitet, die regional tätige Flessabank sowie das Erfurter Softwareunternehmen Tec-Art unterstützen das ehrgeizige Projekt.
„Die Bedingungen sind insgesamt perfekt. Ich bin vor Wind oder Regen geschützt, kann die gute Infrastruktur nutzen und habe Unterstützung“, erklärt Böhm, der seinen Roller in den 24 Stunden „im Idealfall nicht verlassen und ohne jede Pause auskommen“ will. Das bedarf natürlich einer ausgeklügelten Logistik. So soll die komplette Flüssigkeitszufuhr über eine Flasche erfolgen, die am Lenker des Rollers angebracht ist.
Umstellen auf Flüssignahrung
Nachgereicht wird, was notwendig ist, von einem Rennrad aus, das zu diesem Zweck immer wieder mal ein Stück weit parallel mitfährt. „Es geht darum, keine Zeit zu verlieren und vor allem keine Kraft zu vergeuden“, sagt Böhm. Jedes Anhalten und Wieder-Beschleunigen-Müssen sei kontraproduktiv. Seine Taktik ist es, „mit einem 25er-Schnitt anzufangen, weil hinten raus wird man erfahrungsgemäß langsamer“. Was das ebenfalls notwendige Essen angeht, ist der Athlet gerade dabei, auf Flüssignahrung umzustellen. Und die Notdurft? „Am besten vermeiden, denn das würde ebenfalls bedeuten, einen Stopp einlegen zu müssen“, betont Böhm mit einem Schmunzeln. Wichtig werde es in jedem Fall sein, eine gewisse Konstanz aufrechtzuerhalten und „in einen Tunnel reinzukommen“.
Ziel ist eine Art Trancezustand
Das Problem dabei: „Irgendwas fängt immer an zu zwicken, irgendwas scheuert und schmerzt und irgendwas will in deinen Kopf rein, um dir zu sagen, dass du aufhören sollst.“ Dagegen helfe jedwede Ablenkung, etwa die Schritte zwischen den jeweiligen Beinwechseln zu zählen, die Monotonie, die auf einer Rundbahn unweigerlich entstehe, auszublenden und dadurch eine Art Trancezustand zu erreichen, schildert Böhm sein Konzept.
Mindestens 1365 Runden muss der Esslinger in Erfurt für einen neuen Weltrekord abspulen. Das gezielt zu trainieren ist schwierig und aus körperlicher Sicht eine Gratwanderung. Doch der Arzt, der schon als Masseur sowie als Physiotherapeut tätig war und jetzt als Anästhesist arbeitet, weiß, was er tut, wenngleich er einräumt, dass sein Vorhaben „nicht mehr unbedingt in die Kategorie gesundheitsfördernder Sport fällt“.
Aber er könne den Trainingszustand vom Bordeaux-Paris-Rennen mitnehmen, deshalb passe das jetzt sehr gut, fügt Böhm hinzu. Zumal eine solche Challenge seiner Art entspreche: „Ich mache hundert Prozent oder null. Ich will, und das liegt mir, meine Grenzen ausloten, mich quälen und testen, was ich zu leisten im Stande bin“, ergänzt er. Seine Familie habe das inzwischen akzeptiert, „obwohl ich immer noch ein Kopfschütteln ernte, weil ich mir das antue“.
Tschechien und Niederlande als Vorbilder
Tretrollerfahren bekannter machen – Andreas Böhm hat neben seinen sportlichen Ambitionen die Motivation, den Exotensport und den Deutschen Tretroller-Verband (DTRV) in den Fokus zu rücken. Während die Sportart in Ländern wie Tschechien oder den Niederlanden bereits recht populär ist, blieb ein Durchbruch in Deutschland bisher aus. Dabei organisiert der DTRV Breiten- sowie Leistungssport-Veranstaltungen und verfügt zudem über zertifizierte Tretroller-Investoren. Dazu – und zum DTRV-Vorstandsteam – gehört auch Andreas Böhm. ap

