Lokalsport
"Wenn man es richtig anpackt, kann man Bäume versetzen"

Er beschwört den Teamgeist, fordert Herzblut und Leidenschaft, aber weiß gleichzeitig, dass er noch zwischen 40 000 und 60 000 Euro für eine Verbandsligamannschaft sammeln muss – Detlef Pflüger zieht nach 100 Tagen als VfL-Fußballabteilungsleiter eine Zwischenbilanz, die Mut macht, aber auch ­Fragen aufwirft.

Herr Pflüger, haben Sie sich den 18. August schon im Kalender angestrichen?
Detlef Pflüger: Das ist der Saisonstart der Verbandsliga, richtig? Ich habe mich mit der Terminsituation der Verbandsliga noch gar nicht auseinandergesetzt. Der einzige Termin, der uns interessiert, ist die Anmeldung für die Verbandsliga im Mai.

Wie sieht‘s aus: Wird der VfL eine Mannschaft melden?
Pflüger: Momentan sieht es aus wie das Wetter: genauso chaotisch, stellenweise recht frostig. Aber ich denke, wir werden den Weg dorthin finden, wo wir hingehen wollen. Sehr schwierig ist momentan noch, die Strukturen im VfL kennenzulernen. Der ehemalige Geschäftsführer Walter Rau ist aber gerade dabei, viele Dinge zu übergeben, sodass wir in der Hinsicht bald klar Schiff haben werden.

Das Thema Verbandsliga steht und fällt mit dem Engagement von Sponsoren – ist in der Hinsicht bereits etwas spruchreif?
Pflüger: Es steht und fällt in erster Linie mit den Spielern, die Verbandsliga spielen wollen. Und zwar zu Bedingungen, die der finanzielle Rahmen zulässt. Großsponsoren wie zuletzt mit Jörg Mosolf und seinen Anhängern werden wir in Kirchheim wahrscheinlich nie mehr kriegen. Aber ich finde es auch nicht richtig, in der siebten Liga Summen zu bezahlen, für die andere im Monat 40  Stunden arbeiten müssen. Das Verbandsschiedsrichterwesen wirbt momentan mit dem Spruch „Nichts für Mitläufer, aus Überzeugung Schiedsrichter“ um Nachwuchs. Dieses Motto würde ich gerne ummünzen: Aus Überzeugung VfLer. Wenn ein Spieler dann noch einen kleinen Obolus bekommen kann, ist das okay. Aber es sollte erst im zweiten Schritt ums Geld gehen.

Aber Sie werden für die Verbandsliga sicher keine Mannschaft finden, in der Spieler nur aus Verbundenheit zum VfL spielen wollen . . .
Pflüger: Wir brauchen wieder Fußballer, die Sportler sind und sich sportlich messen lassen wollen. Alles andere muss erstmal finanziert werden, wie Spielbetrieb und Trainer. Aber machen wir uns nichts vor: Unter dem Strich muss man für eine Verbandsligamannschaft eine Summe zwischen 40 000 und 60 000 Euro zusammenkriegen.

Schafft der VfL das?
Pflüger: Wir können es hinkriegen. Seit dieser Woche läuft eine Aktion des neu gegründeten Fördervereins, der aktiv auf dem Markt Sponsoren akquirieren soll. Bis Ende März geht eine kleine Schar von vier, fünf Leuten in die Offensive. Wir wollen überall anklopfen und schauen, was wir zusammenkriegen. Bis zur nächsten turnusmäßigen Abteilungsversammlung am 30. März werden wir schon mehr wissen, was im Topf ist.

Parallel wird doch aber sicher bereits nach Spielern geschaut, die bereit wären, in einer Art Low-Budget-Team Verbandsliga zu spielen, oder?
Pflüger: Ich kenne den Tenor der jetzigen Bezirksligamannschaft. Ich gehe davon aus, dass da zu 100 Prozent alle in die Verbandsliga wollen. Konkrete Gespräche wird es demnächst geben. Da muss man dann schauen, was übrig bleibt. Notfalls müssen wir mit A-Jugendspielern auffüllen.

Wäre man in dem Fall konkurrenzfähig in der Verbandsliga?
Pflüger: Wenn man es richtig anpackt und als Team auftritt, kann man im Fußball Bäume versetzen. Bestes Beispiel ist doch aktuell Borussia Mönchengladbach. Das ist ein Team, das zusammenhält und ein hohes Maß an Disziplin an den Tag legt. Wenn man das alles berücksichtigt, kann man auch in der Verbandsliga die Klasse halten.

Neuzugänge sind bei einem derart engen finanziellen Korsett wie beim VfL allerdings nur schwer zu realisieren.
Pflüger: Man sollte in gute Trainer investieren, die unsere eigenen Spieler so gut ausbilden, damit wir sehr viel aus der eigenen Jugend re­krutieren können. Ein Neuzugang von außerhalb muss zu uns passen und doppelt so gut sein, wie der Spieler aus den eigenen Reihen.

Hat die Thematik Verbandsliga eigentlich alles andere überlagert, seit Sie Abteilungsleiter sind?
Pflüger: Nein, wir sind intern sehr relaxed. Aktuell freuen wir uns, dass unsere Jugendmannschaften in der Halle so erfolgreich sind. Aber natürlich ist uns bewusst, dass wir oben drüber im Aktivenbereich eine Perspektive brauchen, weil uns sonst die Spieler wahrscheinlich in der B‑Jugend wegbrechen. Oder anders formuliert: Wir bilden sehr gut aus und die Spieler gehen dann woanders hin.

Dennoch gibt es im Umfeld des Vereins viele, die eine Mannschaftsmeldung in der Verbandsliga regelrecht einfordern. Wie gehen Sie damit um?
Pflüger: Man muss sich in Kirchheim ganz klar bewusst sein: Das eine ist die Forderung und das andere die Frage: Was tut man dafür, damit man es erreichen kann. Es ist wichtig, dass die Region wieder Vertrauen in uns kriegt, sodass jeder weiß, beim VfL läuft es nach dem Motto „Aus der Region für die Region.“
Fruchtet dieses Motto bereits in irgendeiner Form?
Pflüger: Vereinsintern haben die anderen Abteilungen glaube ich schon gemerkt, dass es von unserer Seite wieder mehr zum Verein hingeht. Abteilungsintern merkt man, dass es mit der Mannschaft, die sich im November bereit erklärt hat, mitzumachen, mit großen Schritten nach vorne geht. Auch die Eltern der Jugendspieler haben sehr viel Vertrauen zu uns. Die sehen, dass eine gewisse Transparenz da ist und bringen sich viel stärker ein als früher, sodass nicht einer alles in der Hand hat.

Wie fällt in diesem Zusammenhang Ihr Fazit nach 100 Tagen im Amt aus?
Pflüger: Ich sollte in diesem Job zu 100 Prozent arbeiten können, dann wäre das eine super Geschichte. Die Strukturen, die beim VfL über Jahre gewachsen sind, zu löschen und neue aufzubauen, das ist ein Full-­Time-Job. Es ist schon manchmal frus­trierend, wenn man sieht, dass noch nicht so viel vorangegangen ist, wie man vielleicht wollte. Stellenweise ist es auch brutal nervenaufreibend, weil es immer noch einige Wenige gibt, die an den alten Strukturen hängen. Aber insgesamt macht es mit der Crew, mit der ich zusammenarbeite, richtig Spaß.

So viel Spaß, dass Sie sich am 30. März erneut zur Wahl stellen werden?
Pflüger: Mein Ansatz war ja, dass ich den Posten übernehme, damit es mit der Abteilung auf jeden Fall bis März weitergeht. Bei der Versammlung am 30. März schauen wir dann mal, wie wir uns weiterhin aufstellen. Vielleicht werde ich ja abgelehnt, vielleicht findet sich jemand, der mehr Zeit hat und den Job machen will. Die Frage ist ja auch, wie die Mitglieder zu allem stehen, was wir vorhaben. Die waren ja in ihrem Anspruchsdenken durchaus zweigeteilt in den Bereichen Leistungssport und Breitensport – ich sage, wir können beides hinkriegen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Hauptverein? Schließlich wird es laut der VfL-Vorsitzenden Doris Imrich keinen bezahlten Fußball mehr geben.
Pflüger: Künftig müssen alle Verträge, die die Übungsleiterpauschale in Höhe von 175 Euro überschreiten, vom Vorstand des Hauptvereins genehmigt werden. Ich finde das eine super Sache, weil es mich als Fußballabteilungsleiter entlastet. Dadurch ist außerdem gewährleistet, dass es nicht irgendwann wieder eine Finanzierungslücke gibt. So kann ich auch nur Geld ausgeben, das ich tatsächlich zur Verfügung habe.

Trotzdem dürfte es schwer werden, eine Verbandsligamannschaft mit Spielern zusammenzustellen, die nicht mehr als 175 Euro bekommen. Das dürfte selbst für eine Bezirksligamannschaft schwierig werden.
Pflüger: Den Spielern, die wir jetzt schon haben, hat man mitgeteilt, dass es keine Grundgehälter mehr geben wird, sondern nur noch leistungsbezogene Entgelte in Form eines kleinen Trainingsaufwands und einer kleinen Einsatz- und Punktprämie. Wie groß die sein wird, kann ich momentan noch nicht sagen, da ich erst wissen muss, was wir für die kommende Saison im Topf haben. Grundsätzlich kann ein Spieler ja auch Geld bei einem Verein verdienen, indem er sich einbringt ins Vereinsleben als Jugendtrainer oder Trainingshelfer.

Wissen Sie denn, was Sie aktuell im Topf haben?
Pflüger: Für die laufende Saison bei den Aktiven kommen wir am Ende mit einer schwarzen Null raus. Im Jugendbereich sieht‘s dank der ganzen Aktivitäten vernünftig aus, bis einschließlich zur D-Jugend finanzieren die sich fast selber.

Was geben die Möglichkeiten beim VfL in den nächsten Jahren her?
Pflüger: Die Grenze zwischen Amateuren und Profis fängt in der Regionalliga an, wenn der Aufwand wesentlich größer wird. Zwischen Landesliga, Verbandsliga und Oberliga ist der Aufwand, den ein Spieler betreiben muss, nicht so groß. Die Fahrten zu Auswärtsspielen mögen länger sein, aber der Trainingsaufwand ist gleich. Den VfL kann man demnach zwischen Bezirksliga und Oberliga ansiedeln – das ist mit Herzblut und Leidenschaft beides machbar.